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Interview mit Solveig Schlüter, Kaifu-Lodge, Hamburg
Solveig Schlüter, Kaifu-Lodge, Hamburg

Die Kaifu-Lodge in Hamburg eröffnete bereits 1981 und zählt – nicht zuletzt aufgrund eines in seiner Vielfalt unvergleichbaren Kursprogramms – zu den bekanntesten deutschen Fitnessanlagen. Bereits vor 35 Jahren, so die Clubverantwortlichen, habe man sich bewusst gegen das amerikanische Modell „viele Geräte, wenige Kurse“ entschieden. Im body LIFE-Interview erklärt Solveig Schlüter, die seit 2009 im Hamburger Kultstudio arbeitet und seit 2015 zur erweiterten Geschäftsführung zählt, was einen erfolgreichen Kursbereich auszeichnet und was für bzw. gegen Lizenzformate spricht.

body LIFE: Die Bedeutung eines vielseitigen Kursbereichs wird von vielen Clubs unterschätzt. Inwiefern können Studios von einem gut funktionierenden Kursangebot profitieren?

Solveig Schlüter: Die Motivation im Groupfitnessbereich kann den Clubmitgliedern effektivstes Training auf hohem Niveau bieten. Wenn es gelingt, die heutige Formatvielfalt geschickt zu implementieren, ist es möglich, alleine aus dem Kursbereich heraus ein ganzheitlich ausgewogenes Training zu realisieren, das die Bereiche Kraft, Ausdauer, Koordination und Entspannung abdeckt. Auch Themen wie z.B. „Ernährung“ und „Stressbewältigung“ werden aufgegriffen. In Zeiten, in denen die elektronischen Medien einen Großteil unserer Kommunikation bestimmen, sehe ich es als Chance, Menschen durch direkten Kontakt und ehrliche Hilfe bzw. Korrekturen zu unterstützen. Alles andere, wie zum Beispiel virtuelle Kursformate als auch das Training nach einer Anleitung über das Internet, halte ich für nicht wertschätzend gegenüber dem Individuum und durchaus auch gesundheitsgefährdend. 

body LIFE: Ein gut laufender Kursbereich erfordert jede Menge Organisation. Welche strukturellen Maßnahmen müssen ergriffen werden, damit der Kursbereich zum Aushängeschild wird?

Solveig Schlüter: Ein guter Kursbereich hängt von zahlreichen Faktoren ab. Wichtig ist es, ein Gespür für die Ziele und Bedürfnisse der Mitglieder zu entwickeln. Kompetente, herzliche und engagierte Mitarbeiter mit Erfahrung im Kursbereich, die es verstehen, eine enge Bindung zu den Kursteilnehmern aufzubauen, sind das A und O. Aus Clubbetreibersicht ist es wichtig, dass jeder Kurstrainer in die Weiterentwicklung des Kursbereichs involviert wird, da dadurch die Motivation gefördert wird. Um dies zu gewährleisten, sind regelmäßige Meetings, in denen unter anderem über neue Trends bzw. Formate gesprochen wird und gemeinsame Projekte geplant werden, Pflicht. Zudem sollte jeder Trainer ständig den Markt beobachten, um ausschließen zu können, dass wichtige Entwicklungen verschlafen werden. Wir haben zudem die Erfahrung gemacht, dass es sich lohnt, langjährige Experten zu „Lotsen“ der einzelnen Fachbereiche zu machen, um als Kommunikationsschnittstelle zwischen Mitgliedern, Trainern und Kurskoordination zu agieren. Sehr sinnvoll sind zudem Kooperationen mit Ausbildungsinstituten.

body LIFE: Was zeichnet einen guten Kurs aus? Welche Faktoren spielen eine Rolle?

Solveig Schlüter: Auch hier gilt es, verschiedene Punkte zu beachten. An oberster Stelle muss natürlich auf die Qualität geachtet werden. Hochqualifizierte Trainer, die bestenfalls über ein paar Jahre Erfahrung im Unterrichten verfügen, sind dafür die Grundvoraussetzung. Was Trainer unbedingt beherrschen müssen, ist, die Teilnehmer zu motivieren und die Kurse dem jeweiligen Fitnesslevel der Trainierenden anzupassen. Dies kann nur dann gelingen, wenn die Trainer empathisch sind und Spaß und Freude vermitteln können. Es hat sich gezeigt, dass vor allem polarisierende Formate und Trainercharaktere gut ankommen. Aber auch das Thema „Konstanz“, also die langfristige Ausrichtung bei Kursformaten und eine dauerhafte Besetzung der Kursleitung, ist nicht zu unterschätzen.

body LIFE: Viele Clubs setzen im Kursbereich auf verschiedene Lizenzformate. Welche Vorteile hat es für Studios, auf lizenzierte Kurse zu setzen?

Solveig Schlüter: Studios, die ihre Stärken nicht im Groupfitnessbereich sehen, können die inhaltliche Verantwortung abgeben und erhalten dadurch – zumindest meistens – eine Sicherheit. Für die Trainer wird es deutlich einfacher, sobald sie in das Format eingearbeitet sind, und auch auf administrativer Seite können die Abläufe vereinfacht werden, so wird z.B. die Vertretungssuche vereinfacht. Zudem werden die Studios von Lizenzgebern als Partnerstudios gelistet und durch Marketingaktivitäten seitens des Lizenzgebers erlangen mache Formate große Popularität, wovon wiederum die Fitnessclubs profitieren. 

body LIFE: Woran können Clubbetreiber bereits im Vorfeld erkennen, dass es sich um einen guten Lizenzkurs/Lizenzpartner handelt?

Solveig Schlüter: Ich empfehle, im Vorfeld immer an die „Erfinder“ mit der Bitte heranzutreten, das Format zu präsentieren und zu erläutern. Es ist von großer Bedeutung, dass sich die Clubverantwortlichen intensiv und zugleich kritisch mit den Ausbildungsvoraussetzungen und -inhalten auseinandersetzen. Eine gründliche selbstständige Prüfung des Konzepts und das Einholen verschiedener Expertenmeinungen ist für die Entscheidungsfindung unabdingbar. Um entscheiden zu können, ob das jeweilige Format in das Kursangebot aufgenommen werden soll, empfiehlt es sich, das Format im Rahmen eines Specials beziehungsweise Workshops auszuprobieren. Wichtig ist, dass der jeweilige Trainer von dem Format zu 100 Prozent überzeugt ist, denn nur so kann er das Format authentisch vermitteln. 

body LIFE: Welche Punkte sind bei Lizenzkursen eher kritisch zu sehen?

Solveig Schlüter: Nicht alle Mitglieder fühlen sich durch standardisierte Formate angesprochen. Trainierende bemängeln bei Lizenzkonzepten häufig die Austauschbarkeit und die fehlende Vielfalt. Dies führt mittel- bzw. langfristig zu Motivationsproblemen und Langeweile. Dies liegt häufig auch daran, dass die Trainer ebenfalls unmotiviert sind. Dies kann z.B. daran liegen, dass sie ihre eigenen Ideen nicht einbringen können, geringe Bindung zum Studio und den Kursteilnehmern sowie Schwierigkeiten haben, den Kurs authentisch rüberzubringen, und unzureichende Voraussetzungen z.B. in den Bereichen Anatomie, Physiologie und im Umgang mit unterschiedlichen Krankheitsbildern haben, um den Kurs unterrichten zu können. Dies führt schließlich dazu, dass die emotionale Bindung der Mitglieder an das Fitnessstudio nicht vorhanden ist bzw. verloren geht und die Kündigungswahrscheinlichkeit steigt. Zudem sollten sich die Fitnessclubs und auch die Trainer bewusst machen, dass manche Formate teilweise an sehr hohe Kosten und zahlreiche Vorgaben bzw. Nutzungseinschränkungen geknüpft sind. 

body LIFE: Lizenzkurse oder eigene Kurse? Welche Rolle spielen z.B. Kriterien wie Positionierung, Zielgruppe und Trainer bei dieser Entscheidung?

Solveig Schlüter: Einzelunternehmen, die über größere Personalkapazitäten verfügen, eine höhere emotionale Bindung zu ihren Mitarbeitern hegen und über kurze Entscheidungswege verfügen, eignen sich eher für die Umsetzung eigener Kurse. Bei der Entscheidung sollten die Studioverantwortlichen die folgenden Fragen beantworten: Soll durch Lizenzkurse ein Wiedererkennungswert geschaffen werden oder soll das Studio in seiner Art einzigartig und unverwechselbar sein? Was steht im Vordergrund: die Austauschbarkeit und die Einfachheit im Ablauf oder die Einzigartigkeit? Definiert sich das Studio über Individualität oder Masse?

Je diversifizierter und größer die Zielgruppe des Studios ist und je mehr Kenntnisse über die Mitglieder und aktuelle Trainingsentwicklungen vorliegen, desto leichter ist es, eigene Formate zu etablieren. Bei eigenen Kursen ist zu beachten, dass diese eine extrem hohe fachliche und menschliche Kompetenz der Trainer sowie ein hohes Maß an Kreativität, Empathie und Selbstbewusstsein erfordern.

Die Trainer bilden also das Herz des Studios. Sie sind hauptverantwortlich für eine angenehme Atmosphäre und haben großen Anteil an der Mitgliederbindung. Um eigene Kurse zu entwickeln, muss sich das Interesse, die Bindung und nicht zuletzt das Know-how und somit die fachliche Kompetenz der Trainer auf einem sehr hohen Niveau bewegen.

body LIFE: Vielen Dank für das Interview.

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