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Die Auswirkungen von Lifestyle und Technologien auf den Fitnesssektor

In den letzten Jahren haben sich Fitnessstudios in Deutschland zusehends von dem klischeebeladenen Bild der „Muckibude“ befreit und sich zu vielseitigen Servicelandschaften für Wellness und körperliche Performance- Steigerung entwickelt. Diese Evolution ist bereits ein großer Schritt und kann als Zeichen der veränderten Kundenbedürfnisse gesehen werden. Denn waren lange Zeit Muskelaufbau und körperliche Leistungsoptimierung das Hauptziel, so ist heute weit mehr als das gefragt.

Wir leben in einer Zeit, in der es immer stärker um den Einzelnen geht. Das Individuum und seine Bedürfnisse müssen sich nicht mehr vorgegebenen Diktaten fügen – Regeln sind da, um gebrochen zu werden. YOLO – „You Only Live Once“ – wird mehr und mehr zum Leitsatz einer sich immer stärker diversifizierenden Gesellschaft. Und diese macht nicht zuletzt aus sich heraus einen starken Wandel durch: Die demografische Veränderung der Gesellschaftsstruktur hin zu einer immer älter werdenden Bevölkerung ist ein weiteres großes Thema, welches in den nächsten Jahren immer stärkere Auswirkungen auf Lifestyle-Themen und letztendlich auch den Fitnesssektor haben wird. Denn die Generation der „neuen Alten“ fühlt sich nicht alt und will schon gar nicht so behandelt werden. Diese stetig wachsende Konsumentengruppe ist zudem aufgrund ihres Erfahrungsschatzes äußerst kritisch und gut informiert. Vor allem aber ist sie nicht in antiquiertem Denken verhaftet, sondern hat Lust auf Neues. Technische Innovation wird nicht mehr abgelehnt, sondern als sinnvolle Ergänzung althergebrachter Methoden und Produkte gesehen. So ist der Generation 50+ das Internet nicht fremd und man ist privat wie beruflich gut vernetzt. Letztendlich sind aber gerade für diese Zielgruppe Gesundheit und Fitness Kernthemen, die zu einem Langzeittrend mit übergeordneter Wichtigkeit werden.
Alles in allem zeigt dieser kurze Abriss der Gegenwart bereits, welche Themen den Fitnesssektor in Zukunft wesentlich beeinflussen werden. Megatrends wie Gesundheit, der demografische Wandel und die Individualisierung der Gesellschaft sind globale Themen mit regional und branchenbezogen unterschiedlichen Ausprägungen. Zusammen mit dem Megatrend der zunehmenden Digitalisierung und Konnektivität werden sie jedoch für den Fitnessbereich zu führenden Treibern, die in der Branche in Zukunft neue Maßstäbe setzen werden.

Digitale Lösungen für die Gesundheit

Schon heute herrscht ein allgemeines Bewusstsein darüber, dass sich körperliche Bewegung positiv auf die Psyche auswirkt. Und eben dieses Bewusstsein wird in Zukunft mehr und mehr zum Handlungskonzept in Richtung ganzheitlicher Lösungen, die ihre Wurzeln sowohl in traditioneller Gesundheitskunde als auch in völlig neuen, technisch getriebenen Ansätzen finden, jedoch dabei in sich immer effektiver und für den individuellen Nutzer effizienter gestaltet werden.
Zu den bisherigen Gesundheitsbewussten und Schönheitsorientierten, die sich vor allem im jüngeren Segment von 20 bis etwa Mitte/Ende 30 bewegten, gesellen sich mehr und mehr deutlich Ältere, die ihre Gesundheit bewahren und verbessern möchten. Aber auch Teenager werden durch steigende Gesundheitsund Konditionsdefizite eine immer größere Rolle spielen. Ein möglicher Weg, diese Zielgruppen gezielt zu bedienen, wird der zusätzliche Service von Gesundheitsvorsorgechecks und digitalem Monitoring von Blutzucker, Blutdruck und Knochendichte sein. Dies wird sich in Zukunft zum einen durch gut geschultes Personal innerhalb der Fitnessstudios etablieren, zum anderen durch neue digitale Lösungen wie spezielle Apps und Weiterentwicklungen der bekannten Gadgets wie Fitnessbändern & Co.

Das „Internet der Dinge“

Auf der diesjährigen CES, der internationalen Consumer Electronic Show in Las Vegas, war deutlich zu erkennen, dass das Thema Fitness auch zu einem immer wichtigeren Treiber für zukünftige technische Entwicklungen wird. Und hier sind nicht die klassischen Fitnessarmbänder gemeint. Ganz im Gegenteil: Laut aktuellen Berichten hat beispielsweise Fitbit, einer der Pioniere auf diesem Gebiet, bis auf Weiteres sein High-End-Produkt, den Fitbit Force, wegen Materialfehlern vom Markt genommen. Nike hat die Weiterentwicklung und Produktion seines Fuel- Bands erst kürzlich eingestellt. Aber auch die übrigen Hersteller sind augenscheinlich an ihre Entwicklungsgrenzen gestoßen. Das Thema des reinen Fitnesstrackings mittels modischer Armbänder oder anderen sogenannten Wearables scheint, den Geschmack der Nutzer auf Dauer nicht getroffen zu haben. Der Grund hierfür könnte sein, dass die breite Schicht der Konsumenten eben mehr will, als nur eine Übersicht über ihr tägliches Bewegungspensum und ihre Pulsfrequenz zu erhalten. Darüber hinaus ist der Markt der klassischen Fitnessarmbänder so unüberschaubar geworden wie seinerzeit der Markt der MP3-Player. Angesichts des steigenden Bedürfnisses an digitaler Konnektivität wird dieses Schicksal wohl auch den klassischen Fitness- Tracker-Markt (siehe auch body LIFE 4/2013) treffen, denn die Zukunft wird ganz im Zeichen der stetig erweiterten Digitalisierung und Vernetzung stehen: Das „Internet der Dinge“ wird zum Schlüsselthema für erfolgreiche Produktinnovationen auch im Fitnesssektor.
Der Begriff „Internet der Dinge“ bezeichnet die Verknüpfung eindeutig iden- tifizierbarer physischer Objekte mit einer virtuellen Repräsentation. Zunehmend werden Produkte intelligent und unterstützen den Menschen bei seinen Tätigkeiten. Die miniaturisierten Computer in Wearables wie Armbändern und zukünftig vermehrt auch Kleidungsstücken werden mit den unterschiedlichsten Sensoren ausgestattet und in der Lage sein, nicht nur die bisher gewohnten Werte zu „tracken“ und in die Cloud zu senden, sondern auch weitere, der Gesundheit zuträgliche Funktionen auszuführen – wie beispielsweise die Messung von Blutwerten, Erschöpfungs- und Stresslevel – sowie präventiv Verletzungen entgegenzuwirken.
Erstes Beispiel hierfür sind die Sensoria Fitness Socks von Heapsylon. Diese unterstützen den Träger zum einen dabei, die üblichen laufbezogenen Daten wie Herzfrequenz und Laufdistanz zu erhalten; dies geschieht durch eingearbeitete Sensoren und ein zusätzliches Bluetooth- Fesselband. Fortgeschrittene Läufer können die Sensoria-Fitness-Socken zudem dazu nutzen, ihren individuellen Laufrhythmus, die Art und Weise des eigenen Fußauftritts sowie die Belastung des Fußes während des Laufens zu analysieren. Falls der Läufer zu einem Bewegungsablauf tendiert, der gemeinhin mit Verletzungsgefahr assoziiert wird, senden die Socken ein Signal an eine mitgelieferte Smartphone-App.

Bereits etablierte Produkte werden erweitert

An diesem Beispiel ist bereits sehr gut zu erkennen, wohin die Reise in Zukunft gehen wird. Anstelle von einem neuen Gerät mit begrenztem Leistungsumfang werden bereits etablierte Produkte erweitert und sinnvoll miteinander verknüpft. So wird ein Mehrwert geschaffen, der sich nicht durch ein Mehr an Produktmenge auszeichnet, sondern durch eine größere Vielfalt an Leistung. Der Nutzer wird weiterhin die Möglichkeit haben zu wählen, welchen Leistungsumfang er individuell benötigt und mit welchen Hardware- und Softwarekomponenten er diesen erfassen bzw. ablesen möchte – diese Entscheidung bleibt in Zukunft jedem Einzelnen individuell überlassen. So gewinnt der Nutzer an Freiheit und ist nicht mehr gezwungen, sich strikt für ein System zu entscheiden. Generell werden Auswahl und Individualisierung in Zukunft großgeschrieben werden. Das stellt vor allem Fitnessstudios vor eine schwierige Aufgabe. Das Wettrüsten um die besten Geräte hat weitestgehend seine Grenzen erreicht und ist vor allem aus Kostengründen nicht effizient. Doch auch hier schafft das „Internet der Dinge“ neue Perspektiven für Studiobetreiber und Nutzer.
Technogym als Wegbereiter macht es in seinem Showroom-Vorzeigestudio, dem Fitness Valley nahe Bologna, bereits vor und stattet seine Geräte mit neuester Hardware sowie eigens entwickelter Software aus. Herzstück ist die sogenannte Fitness-Cloud, eine Art „Internet of Things“ für alle Arten von Fitnessgeräten. Als Verbindungselement zum Menschen fungiert hier ein Art USB-Stick namens Wellness Key. Dieser wird nach einer fundierten Analyse durch einen ausgebildeten Trainer mit Nutzerdaten gespeist und bildet den Schlüssel für effektives und effizientes Training. Mit den verschiedenen Studiogeräten verbunden, zeigt er dem Nutzer genau an, welche Übungen er mit welcher Intensität, Geschwindigkeit und in welchen Intervallen durchführen muss, um beste Ergebnisse zu erzielen. Alle Geräte sind durch ein großzügiges Farbdisplay à la iPad direkt mit der Wellness- Cloud verbunden. So hat der Trainierende jederzeit vollen Zugriff auf alle relevanten Daten und kann gleichzeitig seinen Trainingsstand über soziale Netzwerke posten und mit anderen vergleichen. Der Vergleich von Trainingsleistungen bis hin zum Wettbewerb mit anderen zeitgleich Trainierenden wird in Zukunft dank der Konnektivität ein vielgenutztes Feld sein, das spielerischen Ansporn und somit einen echten Mehrwert schafft.
Auch werden sich Kompatibilitäten zwischen zentralen Onlineportalen, wie der Fitness-Cloud, und anderen Tracking- Systemen verschiedenster Marken wie Withings, Fitbit Runkeeper oder Mapmyfitness etablieren. Neben dem Smartphone können dann zudem auch andere heimische Geräte, wie zum Beispiel das eigene Fahrrad, der Hometrainer oder sogar die Spielekonsole im eigenen Wohnzimmer, Kinect sei Dank, in den Trainingsplan miteinbezogen werden.
Umfassende Vernetzung gewinnt an Bedeutung Das Konzept der Technogym-Fitness- Cloud ist nur ein Beispiel für die Entwicklung in Richtung umfassender Vernetzung, aber auch in Richtung Datensammlung und -nutzung. Denn durch das stetige Einspeisen von neuen Werten „lernt“ die genutzte Software immer mehr über den Trainierenden und dessen individuelle Bedürfnisse. Mittels komplexer Algorithmen wird es so in Zukunft möglich sein, nicht nur drohende Überlastung und Fehlbelastung frühzeitig zu erkennen, sondern auch bisher eher unberechenbare „Trainingshemmer“, wie etwa die klassische Langeweile durch einseitiges Training, bereits im Vorfeld abzuwenden. Da jedoch das Thema Big Data/ Data Mining, also die Sammlung und Auswertung von Nutzerdaten, derzeit ein belastetes Thema ist, bleibt hier abzuwarten, wie die Nutzer diese Entwicklung annehmen werden.
Schon jetzt wird also deutlich, wie sehr sich der traditionelle Fitnesssektor immer mehr in Richtung Consumer- Electronics und ganzheitlicher Erlebnisse entwickelt. Dies ist nicht nur ein Thema für alle, die im Fitnesssektor tätig sind, sondern zukünftig auch immer stärker für Kreativagenturen, die sich auf ganzheitliche Interaktion-Konzepte spezialisiert haben. So entwickeln Strategen, Produktdesigner, Usability-Spezialisten und Interface-Designer in Zukunft immer mehr Produkte und Services, die traditionelle Produktkategorien, wie beispielsweise Fitness und Infotainment, nahtlos miteinander verschmelzen und sich dabei wie selbstverständlich in das Alltagsleben einbinden lassen. Denn bei aller technischen Innovation und Fitnessrevolution: Der Mensch mit seinen Bedürfnissen ist hier der Mittelpunkt und muss/wird es auch bleiben.

Nina Saller | Als Spezialistin hinsichtlich anthropologischer, soziokultureller und global angelegter Design Research leitet Nina Saller Research- Szenarien und Trendstudien. Neben den Design-Schwerpunkten Farbe und Material stehen der Mensch und die Gesellschaft im Fokus ihrer Arbeit. Nach langjähriger Erfahrung als Consultant in den Bereichen Mode, Kosmetik und Interior leitet Nina Saller aktuell die Bereiche Research und Color & Material design der designaffairs GmbH, München. Frau Saller ist Referentin auf zahlreichen Fachveranstaltungen. Infos: www.designaffairs.com

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