Muskelschwund im Alter

Fotos: Kzenon/Shutterstock.com
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Bewegungsmangel ist einer der Hauptgründe

Durch Muskelschwund kann es zu Immobilität, einer gesteigerten Sturzgefahr und einem erhöhten Risiko für kardiovaskuläre Erkrankungen kommen. Die Prävention durch sportliche Aktivität auch im höheren Alter kann diesen Risikofaktoren entgegenwirken. Deutsche Wissenschaftler der Universität Erlangen-Nürnberg haben zum ersten Mal die Effekte eines Elektromyostimulations (EMS)-Trainings auf die Muskelmasse bei einer Gruppe von über 70-jährigen Frauen analysiert.

Sie veröffentlichten ihre Studienergebnisse kürzlich ausführlich im Fachmagazin „Osteoporosis International“ (Kemmler et al., 2016). Die Forscher kommen darin zu dem Ergebnis, dass ein EMS-Training besonders bei älteren Menschen einen positiven Effekt auf die Muskelmasse hat. Auch für Menschen mit Vorerkrankungen oder Verletzungen sowie bei mangelnder Motivation für ein konventionelles Sportprogramm kommt das EMS-Training als mögliche Alternative infrage.

EMS-Training steigert die Skelettmuskelmasse

Im Laufe des Lebens unterliegt die Muskelmasse des Menschen dynamischen Veränderungen. Zunächst steigt sie im Verlauf des Wachstums in der Kindheit rapide an und hat im Alter zwischen 20 und 50 Jahren ihren Höhepunkt. Etwa ab dem 50. Lebensjahr beginnt die Muskelmasse wieder zu sinken, gleichzeitig erhöht sich der Anteil des Körperfetts. Ein Prozess, der in der Medizin als Sarkopenie bezeichnet wird. Sowohl die schwindende Muskelmasse als auch der steigende Anteil des Fettgewebes haben negative Auswirkungen für alternde Menschen. Das Risiko von Stürzen und daraus resultierenden Knochenbrüchen steigt, die Unabhängigkeit der Selbstversorgung kann folglich eingeschränkt sein.

Ein weiterer negativer Effekt dieser Veränderungen des Körpers ist das steigende Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen. Jedoch haben mehrere wissenschaftliche Studien zeigen können, dass Bewegung und sportliche Aktivität im Alter diese Risikofaktoren positiv beeinflussen. Daher sollte der Fokus besser auf Prävention statt auf Therapie von Sarkopenie und Fettleibigkeit liegen. Deutsche Forscher der Universität Erlangen-Nürnberg haben kürzlich den Einfluss des Elektromyostimulations- Trainings, auf die Muskelmasse von älteren Frauen wissenschaftlich analysiert. Beim EMS-Training wird die Muskulatur der Teilnehmer an bis zu 16 Regionen gleichzeitig durch kurze elektrische Impulse zur Kontraktion angeregt.

Das EMS-Training wird dadurch von den Teilnehmern als besonders zeiteffizient und wenig physisch anstrengend wahrgenommen; es eignet sich also besonders gut für ältere Menschen. Weiterhin untersuchten die Wissenschaftler einen möglichen Einfluss der Ernährung der Probanden, indem sie eine Gruppe zusätzlich mit einer proteinreichen Nahrung unterstützten.

FORMOsA-Studie

Für die randomisierte kontrollierte Studie wurden zunächst über 7.900 selbstständig lebende Frauen angeschrieben. Von 1.325 eingeladenen potenziellen Probandinnen wurden 75 Frauen ausgewählt, die bereits das 70. Lebensjahr überschritten hatten. Alle wiesen die Charakteristika einer Sarkopenie auf und hatten alle mehr als 35% Körperfettanteil. Die Probandinnen nahmen nicht regelmäßig Medikamente ein und hatten keine Erkrankungen oder Verletzungen, die das EMS-Training hätten verhindern können.

Die Teilnehmerinnen wurden nach dem Zufallsprinzip in drei Gruppen eingeteilt. Die erste Gruppe beinhaltete Teilnehmerinnen, die für 26 Wochen das Ganzkörper-EMS-Training absolvierten. Die Probandinnen der zweiten Gruppe erhielten zusätzlich zum EMS-Training noch täglich 40g proteinreiches Nahrungsergänzungsmittel. Die Kontrollgruppe sollte während der Studiendauer lediglich ihren gewohnten Lebensstil nicht verändern.

Studiendauer von 26 Wochen

Das EMS-Training in der Studie ermöglichte die gleichzeitige Aktivierung der Beinmuskeln, der Armmuskeln, der Muskeln des Abdomens, des Gesäßes, der Brust, des Rückens sowie des großen Rückenmuskels mit jeweils selektiver Intensität. Diese konnte während des Trainings für jede Muskelgruppe und jeden Probanden individuell angepasst werden. Der Umfang der Trainingseinheiten wurde zunächst sukzessive auf 20 Minuten gesteigert. Hierbei wurden die Teilnehmerinnen angehalten, die Intensitäten der Übungen individuell so einzustellen, dass es subjektiv als „schweres“ Training empfunden wurde.

In den ersten vier Wochen, der Konditionierungsphase führten die Teilnehmerinnen jeweils eine Trainingseinheit für 11 Minuten durch; dabei wurde die Intensität stetig erhöht. In den folgenden vier Wochen wurden die wöchentlichen Einheiten auf 20 Minuten gesteigert. Nach neun Wochen begann die eigentlich Trainingsphase, bei der die individuelle Stimulationsintensität weiter erhöht wurde. 19 Wochen nach Beginn wurde in der Trainingsphase II die Länge der elektrischen Impulse auf bis zu 6 Sekunden erhöht, gefolgt von 4 Sekunden Pause. Nach 26 Wochen wurde das EMS-Training beendet und die Ergebnisse wurden analysiert. Insgesamt beendeten 67 der 75 Teilnehmerinnen die Studie.

EMS-Training steigert die Muskelmasse bei Frauen

In beiden EMS-Gruppen konnte ein Rückgang der Sarkopenie gezeigt werden; die Nahrungsergänzung mit Protein hatte keinen signifikanten Einfluss. Somit konnte das EMS-Training die Skelettmuskelmasse im Gegensatz zur Kontrollgruppe signifikant erhöhen. In der Kontrollgruppe hingegen zeigte sich ein Fortschreiten der Muskelabnahme bei den Teilnehmerinnen.

Fazit

Zusammengefasst zeigt diese Studie zum ersten Mal einen positiven Effekt von EMS-Training als zeiteffiziente, sichere und weniger anstrengende Methode auf die Muskelmasse bei älteren Frauen mit Sarkopenie. Jedoch konnte kein signifikanter Rückgang des Fettgewebsanteils durch das EMS-Training festgestellt werden.

Das EMS-Training stellt sich somit als Alternative für Menschen dar, die nicht in der körperlichen Verfassung oder schlicht unwillig sind, ein konventionelles intensives Sportprogramm durchzuführen. Ebenfalls sollte das EMS-Training als Methode in der Rehabilitation oder zur Prävention von musculoske-letalen Erkrankungen berücksichtigt werden.