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Die Betreuungsqualität ist das Erfolgskriterium für Fitnessanlagen. Allerdings klaffen Anspruch und Realität häufig weit auseinander. Worauf das zurückzuführen ist, ­welche Lösungsansätze es gibt und warum vor allem bei den Clubbetreibern ein Umdenken vonnöten ist, erklärt Jörg Winkler von der IFAA im Interview.

body LIFE: Wunsch und Realität klaffen in deutschen Fitnessstudios beim Thema "Betreuung durch qualifiziertes Personal" häufig weit auseinander. Worauf ist dieses Problem zurück- zuführen und welche Lösungsansätze gibt es?

Jörg Winkler: Hier muss man sich erst einmal die Frage stellen, wann genau man von "qualifiziertem Personal" spricht. Ist bereits eine Grundausbildung zum Beispiel in Form der B-Lizenz ausreichend, um das Personal als "qualifiziert" zu bezeichnen? Oder sind Trainer erst dann qualifiziert, wenn sie eine Folgeausbildung, beispielsweise die A-Lizenz, besitzen? Oder sind die Studiomitarbeiter erst dann ausreichend ausgebildet, wenn sie sich auf ein spezielles Themengebiet, zum Beispiel Rehatrainer, fokussiert haben? Neben dem fachlichen Know-how stellt sich darüber hinaus die Frage, welche Rolle die soziale Fähigkeit hat. Wie wichtig ist es, offen auf Menschen zuzugehen und diese für lebenslanges Training begeistern zu können? Ich denke, diese Antwort muss jeder Studiobetreiber für sich beantworten. Aber genau hier sehe ich die ganz große Lücke zwischen Anspruch und Realität. Mein Eindruck ist, dass viele Studiobetreiber sich überhaupt keine oder viel zu wenig Gedanken darüber machen, welche Qualifikation und welches Fachwissen für die unterschiedlichen Trainingsbereiche im Club erforderlich sind. Viel zu häufig gibt sich die Clubführung bereits damit zufrieden, dass die Trainer im Besitz einer B-Lizenz sind. Dabei ist die B-Lizenz lediglich eine Grundausbildung, die zum Einstieg in das "Trainerleben" dient. Ich wünsche mir für die Zukunft - und nur so kann meiner Meinung nach die Lücke zwischen Anspruch und Realität geschlossen werden -, dass so schnell wie möglich hier ein komplettes Umdenken vonseiten der Studiobetreiber stattfindet, dass endlich eingesehen wird, dass die geforderte hochqualifizierte Betreuung mit Trainern, die in prekären Beschäftigungsverhältnissen arbeiten, nicht zu erreichen ist. Und dass es höchste Zeit wird, Arbeitsplätze in der Fitnessbranche zu schaffen, von denen man seinen Lebensunterhalt gut bestreiten kann.

body LIFE: Ist es in der heutigen Zeit noch zeitgemäß, dass die Trainer ausschließlich im Fitnessclub die Mitglieder betreuen? Wäre es beispielsweise nicht auch denkbar, dass sie die Kunden auch außerhalb des Studios coachen? Wäre das Ihrer Meinung nach überhaupt realisierbar oder einfach nur Wunschgedanke?

Jörg Winkler: Ich gehe an dieser Stelle sogar noch weiter und stelle die Frage: Ist es noch zeitgemäß, dass wir immer noch unterscheiden zwischen Flächen- und Kurstrainer? Warum ist es immer noch so, dass viele Flächentrainer die Tür zum Kursraum vehement meiden? Warum tun sich Flächen- trainer immer noch schwer, sich vor eine Kleingruppe zu stellen und mit den Teilnehmern ein zwanzigminütiges Trainingsprogramm zu absolvieren? Solange die Stellenbeschreibungen der Trainer nicht klar definiert sind und das gewünschte Personal nicht in den Studios arbeitet, so lange wird diese unzeitgemäße Situation auch weiter bestehen. Ich bin fest davon überzeugt, dass es in der Zukunft Allrounder geben muss, die in der Lage sein müssen, ein großes Spektrum der Trainingsbetreuung abzudecken. Sicherlich muss nicht jeder Trainer Tanzkurse, Yoga und Workoutkurse unterrichten können, aber sie sollten zumindest in der Lage sein, die Flächenbetreuung, das Kleingruppentraining und das ein oder andere Kursmodul durchführen zu können.

body LIFE: Was spricht für Online-Aus- und -Weiterbildungen, was dagegen?

Jörg Winkler: Grundsätzlich spricht alles für Aus- und Weiterbildung, egal, ob online oder klassischer Präsenzunterricht. Online-Aus- und -Weiterbildungen erfordern ein hohes Maß an in- trinsischer Motivation. Die Teilnehmer müssen sich im Klaren sein, dass sie sich weitgehend alleine organisieren, arbeiten und lernen müssen. Auf der anderen Seite haben die Teilnehmer den Vorteil, dass sie lernen können, wann und wo sie wollen. Sie müssen nicht reisen, um an der Schulung teilzunehmen, und sparen sich Fahrt- und Übernachtungskosten.

body LIFE: Scheitert es häufig nicht nur an der notwendigen Qualifikation, sondern eher an der Motivation der Trainer und des Studiopersonals? Wie können beziehungsweise müssen Fitnessclubbetreiber diesem Problem entgegenwirken?

Jörg Winkler: Hier streifen wir das ganz große Gebiet der Personalführung. Hier kann und möchte ich keine allgemeingültige Antwort geben - außer: Auch hier sind meiner Meinung nach in erster Linie die Studiobetreiber gefragt und gefordert. Vielleicht kommt man der Lösung des Problems etwas näher, wenn sich die Personalverantwortlichen ganz ehrlich fragen, ob ein sozial unsichereres, prekäres Beschäftigungsverhältnis ohne Zukunftsperspektive den Mitarbeiter eher motiviert oder demotiviert.

body LIFE: Trainer werden in den Clubs häufig auch als Verkäufer eingesetzt. Was spricht dafür, was spricht dagegen? Müsste dieser Bereich in die diversen Ausbildungen mit aufgenommen werden?

Jörg Winkler: Grundsätzlich spricht nichts dafür oder dagegen. Hat der Trainer die Begabung zu verkaufen, dann sollte er es tun. Man kann aber nicht auf Biegen und Brechen von jedem Trainer erwarten, dass er ein guter Verkäufer ist.

body LIFE: Ein großes Problem ist die Bezahlung der Trainer. Wie könnte dieses Problem gelöst werden und gibt es eventuell Möglichkeiten, wie die verschiedenen Ausbildungseinrichtungen zur Besserung dieses Problems beitragen könnten?

Jörg Winkler: Hier möchte ich gerne mit einer Gegenfrage antworten: Warum nimmt sich dieser Problematik nicht einer der Verbände, die es in der Fitnessbranche gibt, an? Wenn sie da eine Lösung herbeiführen würden, dann wäre die Energie in die richtigen Bahnen gelenkt. Und vielleicht könnte damit das Fundament gelegt werden, dass die Fitnessbranche als attraktiver Arbeitgeber angesehen wird.

body LIFE: Vielen Dank für das Interview.

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