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Romantische Utopie oder logische Konsequenz im Zeitalter der Digitalisierung?

Laufen wir Gefahr, dass das funktionelle Training von der Digitalisierung überrollt wird und somit ohne Zukunft ist? Oder sehnen sich die Menschen nach einer „menschlichen“ Gegenbewegung zum Maschinenzeitalter 2.0? Wo ist betreutes Functional Training sinnvoll und wo nicht?

Die Fitnessbranche boomt nach wie vor. Bis 2020 rechnet man in Deutschland mit 12 Millionen Mitgliedern in den Studios. Interessant ist die Randnotiz, dass es momentan wohl ca. 10 Millionen weitere Menschen gibt, die von der Fitnessbranche so verbrannt wurden, dass sie für die kommenden drei Jahre für keinerlei Fitnessangebote mehr zugänglich sind. Im Schnitt erreichen ca. 93 Prozent aller Fitnesskunden ihre Ziele nicht. Das ist eine Tatsache, die für mich als idealistischer Fitnessunternehmer und Personal Coach nur schwer zu ertragen ist. Auf der einen Seite finden sich die bisherigen Gewinner des Fitnessbooms, die Discountketten. Auf der anderen Seite kristallisieren sich mehr und mehr Nischenanbieter (sog. Boutique Studios oder Microstudios) heraus. Diese bestechen meist durch eine urbane Lage und ein hochspezialisiertes Angebot. Dazwischen liegt aber eine breite und meist graue Mitte.

Was ist Functional Training (FT) überhaupt?

Ursprünglich hat der Begriff seine Wurzeln in der sportmedizinischen Welt. Man hat früh erkannt, dass klassisches maschinengesteuertes Training bei den meisten Rehaprogrammen nach unterschiedlichen Verletzungen nicht gut funktioniert, und hat dann auf „Funktionsgymnastik“ gesetzt. Auf diesem Fundament erhielt das funktionelle Training mehr und mehr Aufmerksamkeit gerade im sportspezifischen Training. Einer der „Gründerväter“ des modernen Functional Trainings war in den USA Vern Gambetta; nach Europa und speziell nach Deutschland wurde diese Trainingsform sicherlich von Mark Verstegen transportiert. Mit der Aufgabe, ab 2004 die deutsche Fußballnationalmannschaft im Athletikbereich zu betreuen, begann die Reise. 2005 kam dann sein erstes Buch „Core Performance“ in deutscher Sprache auf den Markt. Ich selbst war ab 2006 als Athletiktrainer im Fußball tätig (ab 2007 hauptberuflich im Profibereich), musste aber immer wieder feststellen, dass sich diese Art von Training nur sehr langsam in die Köpfe von Spielern und Trainern bringen ließ.

Wie wird „funktionell“ definiert?

Der Begriff „funktionell“ an sich bedeutet
laut Duden „eine Funktion oder ein Ziel erfüllend“. Aha, dann ist doch für einen Bodybuilder, der seinen Armumfang gezielt erweitern möchte, der Bizepscurl eine höchst funktionelle Übung – oder? Für einen Menschen aus dem Alltag ist der Bizepscurl hingegen eher unfunktionell, da dieser weder der sitzenden Haltung entgegenwirkt noch in irgendeiner anderen Form zielführend ist. Wenn jetzt der Einwand kommt, es ginge ja auch um die Optik und ein bisschen mehr Bizeps habe noch niemandem geschadet, dann muss ich deutlich erwidern, dass Trainierende ihren Bizeps auch durch funktionelle mehrgelenkige Übungen aufbauen können. Wer hierzu widerspricht, hat keine Ahnung von seriösem Krafttraining. Punkt!

Sitzen ist nicht funktionell

Ein weiterer Aspekt ist, dass keine menschliche funktionelle Bewegung im Sitzen stattfindet (Radfahren ist nicht funktionell). Somit ist eine weitere Zutat, dass keine Übung im Sitzen und nur ganz wenige im Liegen ausgeführt werden sollten, wenn es um FT geht. Wir gehen noch einen Schritt weiter. Ein Schritt ist definitiv funktioneller als ein paralleler Stand. Somit sollten die meisten stehenden Übungen entweder in Split Stance oder einbeinig ausgeführt werden. Meine eigene Zündschnur ist enorm kurz, wenn sogenannte Experten proklamieren, dass schwere Lifts wie Kniebeugen, Kreuzheben oder sogar Cleans und Snatches das Allerheilmittel seien. Eine beidbeinige Kniebeuge ist deutlich unfunktioneller und riskanter als ein Split Squat, ein Ausfallschritt oder eine einbeinige Kniebeuge. Mit einer einbeinigen Kniebeuge meine ich jedoch keinen Pistol, denn dieser ist für die meisten Menschen ohne den Verlust der sterno-symphysalen Länge schlicht nicht machbar.

Mythos ROM

Hier stoßen wir schon auf den nächsten Mythos: ROM. Für eine Übung wie den Pistol braucht es eine so außergewöhnliche Mobilität im oberen Sprunggelenk, dass wir uns die Frage stellen müssen: Brauche ich so eine Mobilität, um schmerzfrei durchs Leben zu gehen? Die Antwort ist ganz klar: NEIN! Es braucht keine narzisstischen Poser als Functional Gurus – weder im Power-Liftingnoch im Mobility-Bereich. Es geht allein darum, Menschen mit FT ein besseres Leben zu ermöglichen – und nicht um schneller, höher, weiter.

Welche Aspekte sollten noch berücksichtigt werden?

Sieben funktionelle Bewegungsmuster Der Schlüssel im FT besteht darin, fundamentale Bewegungsmuster zu erlernen. Wir definieren sieben Stück: Plank, Hip Hinge, Push, Pull, Lunge, Squat, Walk/Run. Andere Autoren weichen etwas ab, grundsätzlich ähneln sich viele Konzepte von „wahren Experten“ wie Mark Verstegen, Mike Boyle, Gray Cook, Vern Gambetta. Kann ein Hobbysportler diese sieben Bewegungsmuster nach gewissen Gütekriterien der Mobilität und der Stabilität qualitativ und schmerzfrei ausführen, so sehen wir diesen Menschen in „Balance“, was seinen Bewegungsapparat betrifft.
Auf die Gegebenheiten des Alltags eingehen
Was ist die Zielgruppe? Seien wir ehrlich: Es gefällt uns Coaches allen, mit ernsthaften Sportlern zu arbeiten. Die Hauptklientel ist allerdings der „Athlet des Lebens“, dessen Sportart schlicht und ergreifend das Leben in unserer heutigen Zeit ist. Es heißt immer, man müsse als guter Performance Coach die Sportart des Athleten verstehen. Wenn ich mir die „Interpretation“ von FT in den meisten Fitnessstudios anschaue, zweifle ich, ob die Trainer auch wirklich das „Spiel des Lebens“ richtig verstanden haben. Denn unsere hauptsächliche Aufgabe besteht darin, auf die Gegebenheiten des Alltags einzugehen und diesen auch durch korrigierende Maßnahmen entgegenzuwirken. Unter diesem Gesichtspunkt hat ein Crunch oder Situp nichts in einem FT verloren, weil diese Übung in sternosymphysale Annäherung zieht, wir diese aber schon den ganzen Tag über im Sitzen haben. Wir brauchen also Übungen, die den Menschen helfen, in sternosymphysaler Länge Stabilität zu erzeugen.

Kein metabolischer Einheitsbrei

Viele FT-Programme sind wilde Zirkel, die allesamt auf der Ebene der Energiebereitstellung einen – wie ich es nenne – laktaziden Einheitsbrei darstellen. Noch mal für alle: FT ist kein Zirkeltraining mit wild gemischten Übungen. Bitte beachtet die unterschiedlichen energetischen Bereiche des Menschen. Dieser Einheitsbrei bringt keinen Menschen weiter! Wie Martin Rooney sagt: „Every stupid Coach can destroy a client in 5 minutes, but only a good Coach can make him/her better.“ Was sollte funktionelles Training also sein? Ein sensationelles Tool, um Menschen dabei zu helfen, ein besseres Leben zu führen. Nicht mehr und nicht weniger!!

FT im Personal Training und in Microstudios

Functional Training ist in meinen Augen die pragmatischste und zielführendste Art des Trainings. Personal Training und Functional Training gehören zusammen. Warum ist das so? Functional Training ist zwar enorm effizient, aber eben nur, wenn es perfekt ausgeführt wird. Dafür ist in enormer Art der Faktor Mensch, sprich die höchste Betreuungsintensität notwendig. Dies ist bei einem gut ausgebildeten Personal Trainer gegeben.
Man kann also folgerichtig die Aussage treffen, dass Personal Training bei einem kompetenten, empathischen Trainer in Verbindung mit einem guten Functional-Training-Konzept (damit meine ich nicht CrossFit) die beste aller Möglichkeiten darstellt, seine Ziele zu erreichen. Dabei stellt sich aber die Herausforderung, dass wir mit diesem Produkt nur eine winzig kleine Zielgruppe abholen können. Denn mit einem durchschnittlichen Invest von ca. 800 Euro pro Monat (Zahlen aus dem R1) liegen wir hier meilenweit über dem finanziellen Rahmen der meisten Menschen. Die große Frage lautet also: Gibt es eine Möglichkeit, die großartigen Erfolgszahlen des Personal Trainings zu einem geringeren Preis zu ermöglichen? Gibt es eine Nische zwischen den durchschnittlichen Preisen einer Fitnessmitgliedschaft und dem monatlichen Invest in ein Personal Training?
Die Antwort könnte ein gut konzipiertes Smallgroup-Personal-Training sein. Auch hier steht der Faktor Mensch an erster Stelle. Die Smallgroup-Konzepte zeichnen sich durch eine intensive Betreuung (maximal 8 Teilnehmer pro Trainer) und meist hochprofessionelle Trainer aus. Ich bin der festen Überzeugung, dass FT im Rahmen eines Microstudio- Konzeptes gut funktionieren kann, weil es sich hier um eine klare Positionierung handelt mit einer Zielerreichungsquote über den sieben Prozent des normalen Fitnessstudios.

FT im mittleren Fitnesssegment

Hier finden wir sehr häufig große FTAreas mit den unterschiedlichsten „Animationen“. Häufig sind diese Flächen nicht ideal genutzt und könnten wesentlich mehr Menschen dienlich sein. Meist sind auf dieser Fläche diejenigen Kunden, die eher als „fortgeschritten“ bezeichnet werden können.
Anfänger hingegen bekommen heutzutage eher die volle Breitseite der Digitalisierung ab. In den ersten Wochen geht es an einen vollautomatischen Kraftzirkel, dazu noch etwas Beweglichkeit von der Stange. Verstehen Sie mich nicht falsch: Das kann durchaus funktionieren. Aber seien wir ehrlich: Das ist das wohl unemotionalste Training der Welt. Wenn wir uns die Grundlagen von psychologischen Verhaltensänderungen anschauen, wissen wir, wie wichtig der Faktor Mensch gerade in den Anfangswochen und -monaten ist. Ein gutes FT-Konzept kann hier funktionieren, wenn man es ebenfalls Smallgroup lässt und es von Anfang an in die Mitgliedschaft mit einpreist. Da werden viele, die die typisch deutsche „Geiz ist geil“-Fitnessbetreiber- Mentalität haben, aufschrecken, aber es ist die einzige Chance. Und an alle Fitnessbetreiber in diesem Segment: Sie können den Preiskampf mit den großen Discountketten sowieso nur verlieren!

Smallgroup-Training als Einstiegsmodell

Warum also nicht umdenken und Kunden insbesondere am Anfang einer Mitgliedschaft ein funktionelles Smallgroup- Training anbieten? Dadurch lernen die Menschen, sich von Anfang an sinnvoll zu bewegen, und sie haben eine emotionale, persönliche Bindung. Das funktioniert in meinen Augen nur, wenn sich die sogenannten Animationen (die ja meist kostenlos sind) deutlich reduzieren und nicht über 15–20 Minuten hinausgehen. Smallgroup-Training sollte 60 Minuten dauern.

Functional Training im Discounter

Meine Meinung hier ist radikal: Lasst hier betreutes funktionelles Training bitte weg! Stellt einfach nur eine funktionelle Fläche hin. Besser keine Betreuung als eine schlechte Betreuung! Und wer als Discounter behauptet, er habe für 19,90 Euro die besten Trainer, der lügt. Der Kunde, der sich für einen Discounter entscheidet, bekommt dafür die Flächennutzung – keine Betreuung. Ausnahmslos alles, was ich bisher gesehen habe, ist furchtbar, ja fast schon Körperverletzung am Kunden. Eine Lösung kann natürlich sein, dass sich auch hier Personal Trainer einmieten oder einkaufen und dann Functional Training mit persönlicher Betreuung anbieten – natürlich per Upsale.

Fazit

Je preisgünstiger ein Studio ist, desto mehr wird die Digitalisierung in Form von vollautomatisierten Geräten Einzug halten. Für viele Studios im mittleren Segment sehe ich eine Chance, Functional Training mit dem Faktor Mensch und digitalen Möglichkeiten zu einem stimmigen Gesamtkonzept zu vereinen.
Aus dem höheren Preissegment wie Microstudio und Personal Training wird der Faktor Mensch auch in Zukunft nicht wegzudenken sein, da wahre und nachhaltige Veränderungsprozesse nur MIT dem Faktor Mensch und gutem, ganzheitlichem Training möglich sind. Denken wir bitte noch einmal an die 93 Prozent, die ihre Ziele nicht erreichen.
Im Bereich Discounter ist meine Meinung: Flächenangebot für FT: ja, Betreuung durch Animationen: nein. Dadurch werden noch mehr als die momentanen 10 Millionen Menschen verbrannt. Thomas Korompai

Foto: R1 Sportsclub GmbH

Thomas Korompai ist Sportwissenschaftler, Personal Coach und Speaker. Zusammen mit seinem Geschäftspartner Marko Rajkovic ist er Gründer und Geschäftsführer der R1 Sportsclub Unternehmensgruppe. Thomas ist hauptsächlich in Firmen unterwegs und hält neben Impulsvorträgen Seminare und Workshops für Führungskräfte. www.r1-sportsclub.de

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