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Foto: ALPA PROD/shutterstock.com
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Eine verhaltenswissenschaftliche ­Betrachtungsweise 

Wie erreiche ich beim Kunden eine langfristige Verhaltensänderung und wie gelingt es mir, ihn an mich zu binden? Eine Frage, die sich Fitnessstudioleiter, Personal Trainer und auch Leiter von Sportkliniken sicherlich häufig stellen. Zwar sind Gesundheits- und Fitnesstrainer keine Handwerker, die sich einen stotternden Motor anschauen und wissen, mit welchem Werkzeug sie diesen wieder zum Laufen bringen. Trotzdem können sie auf verschiedene Verfahren und Techniken zurückgreifen, um Kunden zu vermehrter ­sportlicher Aktivität oder zum Beibehalten ihrer Trainingsgewohnheiten zu motivieren. 

Ein Kunde sollte immer an dem Punkt abgeholt werden, an dem er sich zu Beginn der (Wieder-)Aufnahme eines Trainingsprogramms befindet. Dieser Startpunkt kann durch ein umfassendes Assessment festgelegt werden. Dieses Assessment hilft dabei, den Kern des Problems zu erfassen, warum sich eine Person zu wenig sportlich betätigt oder ein regelmäßiges Training nicht langfristig aufrechterhalten kann, sowie mögliche Barrieren oder Motivatoren für Verhaltensänderungen zu identifizieren. Die gewonnenen Informationen geben die Richtung für das am besten geeignete Trainingsprogramm sowie spezifische Zielsetzungen vor – und auch, wie Leistungsänderungen erfasst werden können (1).

Demografische Daten und Fitnessinformationen

Was sind die Bestandteile eines ganzheitlichen Screenings? Zuerst sollten allgemeine demografische Daten und Informationen über den Fitnessstand erhoben werden. Hierzu zählen Geschlecht, Alter, Gesundheits- und Sporthistorie, Familiensituation, Berufstätigkeit und Bildung. Diese Parameter können zwar nicht beeinflusst werden, helfen einem jedoch bei der Auswahl weiterer Informationen, die über den Kunden erfasst werden sollten. Wenn ein Kunde beispielsweise früher Kontaktsportarten ausgeübt hat, bieten sich weiterführende Fragen zur Verletzungshistorie oder zu anderen bestehenden körperlichen Einschränkungen an. Demografische Informationen beeinflussen ebenfalls die Art der Strategie und die Zielsetzungen, die eine Verhaltensänderung unterstützen sollen. So sollte eine junge Mutter, die von zu Hause aus arbeitet und Gewicht verlieren will, neben dem Besuch eines Fitnessstudios oder der Teilnahme an Fitnesskursen auch dabei unterstützt werden, in ihrer Nachbarschaft im Freien körperlich aktiv sein zu können.

Bestandteile eines ganzheit­lichen Assessments

  • Demografische Daten
  • Körperliche Fitness
  • Psychosoziale Charakteristika
  • Soziale Einflüsse
  • Umweltbedingungen (sowohl Stützen als auch Barrieren)

Die Informationen aus dem Assessment geben die Richtung für das Trainingsprogramm sowie ­spezifische Zielsetzungen und wie Leistungsänderungen erfasst werden können vor. Foto: pixelaway/shutterstock.com
Die Informationen aus dem Assessment geben die Richtung für das Trainingsprogramm sowie ­spezifische Zielsetzungen und wie Leistungsänderungen erfasst werden können vor. Foto: pixelaway/shutterstock.com

Erfassung der körperlichen Fitness

Ein weiterer wichtiger Baustein ist die standardisierte und auf den Kunden abgestimmte Erfassung der körperlichen Fitness. Die Auswahl und die Durchführung der entsprechenden Testverfahren sollten auf Grundlage der zuvor erhobenen demografischen Daten und Gesundheitshistorie erfolgen. Selbst auf den ersten Blick gesunde und normalgewichtige Personen können beispielsweise massive Einschränkungen in ihrer Ausdauerleistungsfähigkeit haben (z.B. flottes Gehen über mehrere Kilometer nicht ohne Pause möglich). Statt mit möglicherweise nicht zutreffenden Vermutungen zu arbeiten, erlauben es die Testverfahren, auf deren Basis kurzfristige Ziele zu formulieren, Fortschritte sichtbar zu machen und damit das Selbstvertrauen der Kunden zu stärken. Einen umfangreichen Einblick in gesundheitsorientierte Testverfahren der körperlichen Fitness und deren Interpretation bietet das ACSM‘s guidelines for exercise testing and prescription (2).

Psychosoziale Aspekte

Neben der körperlichen Verfassung sollten auch psychosoziale Aspekte des Kunden erfasst werden. Zwar sind diese auf der einen Seite weniger objektiv als z.B. die Herzfrequenz oder das Körpergewicht. Auf der anderen Seite liefern sie allerdings Informationen über subjektive Einstellungen und Werte, die eine genauso große Rolle in der Entwicklung eines gesunden und aktiven Lebensstils spielen können, wie die Maximalkraft einer Person zu kennen. Eine der populärsten Methoden in Ergänzung zu Fitnesstests ist, das Stadium der Verhaltensänderung oder die motivationale Bereitschaft für das Zielverhalten einer Person zu erfassen. Typischerweise erfolgt auf dieser Grundlage eine theoriebasierte Strategie. Detaillierte Informationen zu Strategien sowie verschiedene Fragebogen, die sich mit der Aufnahme und Beibehaltung eines aktiven und gesunden Lebensstils befassen, finden sich in ACSM‘s Behavioral Aspects of Physical Activity and Exercise (3). 

Beweggründe für eine Verhaltensänderung

Es ist essenziell, die Beweggründe für eine Verhaltensänderung zu verstehen. Wer weiß, warum ein Kunde ein Trainingsprogramm beginnt und was er sich davon erwartet (z.B. Gewichtsverlust, Kraftzuwachs, einfachere Bewältigung des Alltags), kann ein darauf ausgerichtetes Programm entwerfen. Oft liegen vielfältige Motive zur Änderung der eigenen Verhaltensweisen vor. Diese sollten im Rahmen des Assessments gründlich analysiert werden. Es empfiehlt sich, mit dem Kunden detailliert über die Beweggründe zu sprechen, warum sich dieser Unterstützung in Form eines Fitnessstudios, eines Personal Trainers oder einer Sportklinik sucht. Darüber hinaus können hierdurch weitere Motive zutage gefördert werden, die der Kunde ursprünglich nicht in Betracht gezogen hatte, wie beispielweise ein reduziertes Risiko für bestimmte Krankheiten. 

Im Laufe der Zeit können sich Beweggründe und Motive ändern. Daher ist es wichtig, diese regelmäßig neu zu bewerten und das Trainingsprogramm entsprechend anzupassen. So kann eine Person mit einem Ausdauerprogramm beginnen, um Gewicht zu verlieren und damit den Rat ihres Arztes zu befolgen. Mit zunehmender Dauer des Programms können sich aber die Zusammenkunft und der Austausch mit den anderen Teilnehmern zu einem neuen und ähnlich starken Motiv entwickeln. Andere gruppenbasierte Programme zu empfehlen, stellt in diesem Fall eine sinnvolle Strategie dar. Ebenfalls können Motive für mögliche vorangegangene Versuche für eine Verhaltensänderung in Erfahrung gebracht werden, um die Beweggründe einer Person besser zu versteh

Einbeziehung des sozialen Netzwerks

Kunden leben in einem dynamischen sozialen Netzwerk, das auf der einen Seite motivieren und unterstützen, auf der anderen Seite aber auch Barrieren für eine Verhaltensänderung bilden kann. Niemand ändert sein Gesundheitsverhalten in Isolation – entsprechende Bestrebungen werden auch einen Einfluss auf Familie und Freunde haben. Deshalb ist es wichtig, Informationen über die Lebenssituation des Kunden, dessen Familie und Freunde zu gewinnen und in Erfahrung zu bringen, wer von einer Verhaltensänderung betroffen ist. Dieses Wissen hilft einem bei der Festlegung von Strategien, Widerstand entgegenzutreten und Unterstützung zu fördern. Ein Ehemann und Kinder müssen sich auf eine spätere Abendessenszeit einstellen, wenn die Ehefrau/Mutter abends nach der Arbeit regelmäßig ins Fitnessstudio geht. In diesem Fall muss der Kunde mit seiner Familie über eine für alle Beteiligten zufriedenstellende Lösung sprechen. Bereits regelmäßig trainierende Freunde können unterstützend wirken und ihre eigenen Erfahrungen dazu einbringen, wie Barrieren gegen einen gesunden und aktiven Lebensstil begegnet werden kann. Genauso muss der Kunde seine Strategien in die gegebene Umwelt einbetten. Dazu zählt der Zugang zu Laufstrecken, Fitnessstudios und anderen Trainingsmöglichkeiten oder das Beisein anderer Trainierend

Werkzeuge für Verhaltensänderungen erweitern

Ein umfassendes Assessment, das personale, soziale und Umweltfaktoren einbezieht, erlaubt es, darauf basierende und angepasste Strategien zu implementieren. Sind die Barrieren für eine Verhaltensänderung auf der Ebene der Person oder der Situation angesiedelt – oder gar auf beiden? Einer motivierten Person in einer eher unsicheren Gegend kann man Programme zu Hause oder in nahe gelegenen Einrichtungen oder Studios empfehlen. Ein eher widerwilliger, von seinem Arzt geschickter Kunde profitiert in erster Linie von einem Brainstorming zu den positiven Aspekten eines aktiven Lebensstils und zu Aktivitäten bzw. Programmen, die zusätzlich noch Vergnügen bereiten.

Mithilfe eines Assessments kann man Kunden an dem Punkt abholen, an dem sie sich gerade befinden. Ein Assessment ist aber gleichzeitig ein Prozess und sollte daher regelmäßig wiederholt werden, um Fortschritte sichtbar zu machen und zu dokumentieren. Wichtig ist dabei, dass die Praktikabilität und der Aufwand (zeitliche, personelle und materielle Ressourcen) sowohl für den Anbieter als auch für den Kunden in einem adäquaten Verhältnis zum Informationsgewinn stehen. Die Kontrolle und die Dokumentation des eigenen Verhaltens stellen beispielsweise einen enormen Aufwand dar, liefern aber eine Fülle an Informationen über den Kunden und das Zielverhalten. Im Gegensatz dazu kann es aber auch ausreichen, einen Kunden danach zu fragen, ob er lieber allein oder in der Gruppe trainiert, anstatt einen umfangreichen Fragebogen durchzuarbeiten. Ein Assessment sollte darüber hinaus spezifisch und sensitiv gegenüber Änderungen in der Bezugsgröße sein. Während die regelmäßige Messung des Gewichts zwar eine geeignete Größe für ein Programm zur Gewichtsreduktion ist, stellt etwa die Erfassung des Bauchumfangs eine sensitivere und aussagekräftigere Methode dar, um Veränderungen der Körperzusammensetzung abzubilden. 

Fazit und Ausblick

Ein Assessment liefert Informationen über ein spezifisches Problem (z.B. übergewichtig vs. „überfett“, d.h. zu viel Fett vor allem im Bauchbereich) und trägt dadurch dazu bei, zusammen mit dem Kunden realistische Ziele zu formulieren. Ausgangsuntersuchungen liefern Maßstäbe, mit denen sich die Kunden über den Verlauf eines Trainingsprogramms hinweg vergleichen können. Darüber hinaus bildet ein Assessment die Basis, um weiterführende Maßnahmen einzuleiten, wie Zielsetzung, Stimuluskontrolle, Selbstwirksamkeit oder Prävention von Rückfällen.Stefan Altmann

Literatur

  1. Buckworth, J. (2016). Start Where the Client Is: Assessment to Support Behavior Change. ACSM’s Health & Fitness Journal, 20(2), 28-30.
  2. American College of Sports Medicine. (2013). ACSM’s guidelines for exercise testing and prescription. Lippincott Williams & Wilkins.
  3. American College of Sports Medicine. (2013). ACSM’s Behavioral Aspects of Physical Activity and Exercise. Lippincott Williams & Wilkins.

Geschrieben von
Stefan Altmann | ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Sport und Sportwissenschaft des Karlsruher Instituts für Technologie (KIT) und beschäftigt sich mit den Themen „Fitness im Alter“ sowie „Ausdauer- und Schnelligkeitsdiagnostik“.

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