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Foto: Andrey Popov/shutterstock.com

Nachdem im ersten Teil mit der Begriffsklärung das Fundament für die Serie gelegt wurde, widmen wir uns im zweiten Teil dem Online-Präventionskurs-Markt. Hierbei wollen wir vor allem näher betrachten, wie hoch die Marktverbreitung der Online-Präventionskurse ist und wie die bereits auf dem Markt verbreiteten Angebote umgesetzt werden.

Mittlerweile bieten fast alle Krankenkassen Online-Präventionskurse zur Gesundheitsförderung an. Die Angebote sind allerdings sehr unterschiedlich und reichen von kurzfristigen Schnupperangeboten für jedermann bis zu wissenschaftlich evaluierten Online-Programmen mit Coaching. Die kurzfristigen Angebote sind meist gratis und dienen in erster Linie dem Marketing. Online-Präventionskurse, die nach den Vorgaben des „Handlungsleitfadens Prävention“ konzipiert wurden und im Rahmen der Primärprävention von Gesundheitsdienstleistern angeboten werden, sind kostenpflichtig. Die Krankenkassen übernehmen die Kosten für ihre Mitglieder ganz oder teilweise.

Tabelle 1 zeigt das Kursportfolio für digitale Selbstlernprogramme einer großen Krankenkasse. Es umfasst 21 verschiedene E-Learning-Programme, darunter neun Programme zum Thema „Stress“ und je drei Programme zu „Ernährung“ und „Gewichtsreduktion“. Insgesamt werden 66 Online-Kurse angeboten, am häufigsten Rückenkurse (43), Stressmanagementkurse (9) und Ernährungskurse (5). Der zeitliche Umfang reicht von acht 45-minütigen bis zehn 90-minütigen Kursen; die Kosten betragen zwischen 49 und 299 Euro.

Tabelle 1: Analyse von Online-Präventionskursen (n = 66) am Beispiel der IKK classic (IKK, 2016)

Nur wenige Clubbetreiber setzen auf Online-Angebote

Betreiber von Fitness- und Gesundheitseinrichtungen setzen noch nicht flächendeckend auf Online-Angebote. Im Handlungsfeld „Ernährung“ werden die meisten Online-Programme zur Ergänzung des bestehenden Angebotes in den Bereichen „Abnehmen“ und „Figurverbesserung“ eingesetzt.

Die Handlungsfelder „Stress“ und „Sucht“ spielen hier bisher keine Rolle. Selbst im Handlungsfeld „Bewegung“ wird noch nicht viel umgesetzt, obwohl es dort die meisten Schnittstellen zum Studiotraining gibt. Vielleicht aus Angst davor, dass dadurch Kunden dem Studio fernbleiben und nur zu Hause trainieren? Oder überwiegen die Mehrwerte wie die Erweiterung um die neuen Zielgruppengegenüber diesem Risiko?

Ein großes Problem im aktuellen Markt ist die bislang fehlende Standardisierung von digitalen Selbstlernprogrammen. Deswegen ist es für Fitnessund Gesundheitsstudios auf der einen Seite und Betriebe und private Nutzer auf der anderen Seite schwierig, zwischen professionellen und weniger professionellen Angeboten zu unterscheiden und gezielt auswählen zu können (Walter & Mess, 2015).

Generell kann sich auch die Umsetzungvon Präventionskursen in Präsenz sehr unterschiedlich darstellen. So gibt es beispielsweise Anbieter, die zusätzlich zu den in Präsenz vermittelten Themen weitere Inhalte zum vertiefenden Nacharbeiten per Download (beispielsweise Dropbox) zur Verfügung stellen. Dies hat jedoch nichts mit effektivem Blended Learning zu tun und sollte daher nicht falsch eingeordnet werden.

Anzahl der digitalen Gesundheitsfördermaßnahmen

Eine der wenigen Anlaufstellen für professionelle Angebote ist die Zentrale Prüfstelle Prävention (ZPP). Laut der ZPP (ZPP, 2016a) waren 71 digitale Gesundheitsfördermaßnahmen bis Dezember 2016 zertifiziert. Die meisten Programme entfallen ähnlich wie beim Portfolio der Krankenkasse auf das Handlungsfeld „Bewegung“ (48 Programme). Je 10 Programme sind den Handlungsfeldern „Ernährung“ und „Stress/Entspannung“ zugeordnet. Im Handlungsfeld „Sucht“ sind lediglich drei Programme zertifiziert.

318 E-Kurse lehnte die ZPP ab, da sie nicht den Vorgaben des „Leitfadens Prävention“ entsprachen. 370 zur Prüfung eingereichte Programme wurden wegen unvollständiger Unterlagen abgelehnt bzw. erst gar nicht geprüft (ZPP, 2016b). Nach den neuen, seit dem 31.5.2016 gültigen Kriterien sind aktuell allerdings nur vereinzelte Angebote zertifiziert. Die Kriterien wurden bei der Neuauflage deutlich geschärft, erscheinen aber in verschiedenen Bereichen immer noch relativ willkürlich und wenig praxisrelevant.

Demnach muss ein E-Kursleiter nach den neuen Kriterien mindestens 0,4 Stunden mit jedem Teilnehmer „kommunizieren“ (sogenannte Kommunikationsquote), was sich in der Praxis indes nur schlecht steuern lässt. Darüber hinaus muss die fachliche Betreuung sichergestellt werden und jegliche Fragen von Teilnehmern müssen von diesem auch außerhalb der „Kurszeiten“ innerhalb von 1 bis 2 Tagen per E-Mail oder Telefon beantwortet werden, was natürlich je nach Aufkommen einen nicht unerheblichen Personalaufwand mit sich bringt. Gerade für Techniklaien stellt die technische Umsetzung oft die größte Hürde dar, da hierbei neben den erneut geschärften datenschutzrechtlichen Kriterien auch klar vorgegebene Abläufe berücksichtigt werden müssen.

Es müssen die Online-Präventionskurse so programmiert werden, dass ein Modul erst dann freigeschaltet wird, wenn das vorherige Modul erfolgreich abgeschlossen wurde. Dies bringt auch wieder die Frage nach einer automatisierten Erfolgskontrolle in Form eines Quiz oder Ähnlichem mit sich, was immer mit Programmieraufwand und damit auch Kosten verbunden ist. Aufgrund der geschärften Kriterien fallen nun einige nach den alten Kriterien zertifizierte Programme nach und nach aus der Kassenförderung heraus.

Auch wenn die Gestaltungsmöglichkeiten von Online-Präventionskursen aufgrund der mannigfaltigen technischen Möglichkeiten sehr groß sind, gibt es nicht zu vernachlässigende Ausschlusskriterien. So werden als Methoden und Techniken das Blended Learning, Online-Kurse auch mit App-Unterstützung, Webinare, Fernkurse, Gesundheitscoaching für Gruppen und unter bestimmten Voraussetzungen Game based learning, serious games und e-teaching von den Krankenkassen anerkannt. Jedoch werden beispielsweise Communitys, Foren und rein der Information dienende Gesundheitsportale von der Förderung ausgeschlossen.

Kriterien für die Zertifizierung

Bei der Zertifizierung spielt auch die Form der Wissensvermittlung eine entscheidende Rolle. Hierbei werden zumeist die Ansätze A und B verfolgt. Ansatz A besteht aus Modulen mit digital aufbereitetem Gesundheitswissen, in denen keine Vorgaben zum Nutzerverhalten vorgegeben sind. Das Gesundheitswissen wird bereitgestellt und die Nutzer können frei wählen, mit welchem Themenbereich sie beginnen und welche Themen sie vertiefen möchten.

Ansatz B besteht aus vorgegebenen Lernpfaden mit Modulen mit aufbereitetem Gesundheitswissen und richtet sich nach klar definierten Rahmenrichtlinien, die der Qualitätssicherung dienen. Die Einhaltung dieser Richtlinien ist Voraussetzung für eine finanzielle Förderung durch die gesetzlichen Krankenkassen. Dies bringt den Anbietern (Gesundheitsdienstleistern und Unternehmen) erhebliche Vorteile in der Akquise da die Kurse bezuschusst werden und eine Steuerbefreiung z.B. gemäß § 3 Nr. 34 EStG bei Kooperationen mit Betrieben genutzt werden kann.

Beide Ansätze können auf zwei Arten umgesetzt werden: zum einen als reine Online-Kurse, zum anderen als sogenannte Blended-Learning-Kurse, in welchen Präsenzphasen mit Online-Inhalten kombiniert werden. Bestimmte Inhalte können dabei von Kursleitern in Präsenzveranstaltungen im Fitness- und Gesundheitsstudio umgesetzt werden. Dazu gehören z.B. die Korrektur von Bewegungsabläufen und die Implementierung der Verhaltensänderungen in den Alltag. Die E-Learning-Teile vertiefen mit innovativer Lerntechnologie die Fachinhalte. Hierbei kann sich jeder Teilnehmer gemäß seinen eigenen Erwartungen und Möglichkeiten den Input an Gesundheitswissen holen, den er für eine gesundheitsbezogene Verhaltensänderung benötigt. Die Forschung zeigt, dass Blended-Learning-Formate sowohl reinen virtuellen Angeboten als auch klassischen Präsenzveranstaltungen hinsichtlich der Wirksamkeit überlegen sind und die Vorteile beider Vermittlungsarten vereinen (Graves & Twigg, 2006; Rovai & Jordan, 2004).

Reine Online-Präventionskurse hingegen können ohne zwischenmenschliche Interaktion auskommen. Möglichkeiten, die Teilnehmerbindung zu fördern, sind hier z.B. eine Community, ein Wettbewerb der Teilnehmer untereinander oder ein prominenter „Dozent“, der Inhalte über Videos oder Tutorials vermittelt, ohne im individuellen Kontakt mit den Teilnehmern zu stehen. Reine Online-Präventionskurse sind vor allem für diejenigen interessant, die sich bisher nicht vorstellen konnten, in einem Fitnessstudio zu trainieren.

In den Handlungsfeldern „Ernährung“, „Stressmanagement“ und „Suchtmittelkonsum“ ist eine Vermittlung von Gesundheitswissen ausschließlich online in den meisten Fällen leichter möglich als im Handlungsfeld „Bewegungsgewohnheiten“, in dem die Korrektur von Bewegungsabläufen eine technische Herausforderung darstellen kann (Schirrmacher, 2017). Eine Korrektur via Livevideo ist technisch leichter zu lösen – man verliert jedoch die Zeit- und Ortsunabhängigkeit. Unsere Erfahrung zeigt, dass zumeist kostenintensivere und individuelle Lösungen notwendig sind, wenn die zeitliche Unabhängigkeit beibehalten werden soll.

Vorteile des Blended Learning

Bei reinen Online-Präventionskursen stellt sich die Frage, ob sich diese Zeit und Ortsunabhängigkeit trotzdem noch mit einem termingebundenen Training im Fitness- und Gesundheitsstudio vereinbaren lässt. Natürlich will man dies im Zuge der Ortsunabhängigkeit eigentlich vermeiden, möchte den Trainierenden dennoch die Flexibilität bieten, bei Belieben auch im Studio trainieren zu können. Die Lösung könnte im Blended Learning liegen. Das kann für beide Seiten sinnvoll sein: Für den Teilnehmer ist ein deutlich effektiveres Training möglich und für den Studiobetreiber bietet sich die Möglichkeit, den Teilnehmer über das Online-Angebot hinaus ans Studio zu binden. Qualitativ hochwertige Angebote zeigen dementsprechend inhaltlich jeweils Alternativen für das Training zu Hause und im Studio. Dies bietet Betreibern auch den Vorteil, dass sich der Betreuungsaufwand selbst bei einem Training im Studio auf ein Minimum reduziert, da die Trainierenden ihren Coach und das Trainingsprogramm online auf dem Smartphone mitbringen und somit autark trainieren können.

Gesundheitsdienstleister bieten ihren Mitgliedern mit solchen Lösungen große Flexibilität und binden sie gleichzeitig an ihre Gesundheitseinrichtung. Zudem machen sie sich dadurch als trendbewusstes Unternehmen, das mit der Zeit geht, nochmals attraktiver für Neukunden. Gerade im Vergleich zu Präventionskursen in Präsenzform ist das zeit- und ortsunabhängige Training im Fitness- und Gesundheitsstudio ein schlagkräftiges Argument für potenzielle Neukunden. Doch lassen sich diese E-Kurs-Teilnehmer ohne die engmaschige Betreuung der festen Gruppentermine bei Präsenzkursen auch über das Online-Angebot hinaus ans Studio binden? Und gibt es ein Programm, welches die Vorteile von volldigitalem Online-Training und die Vorteile von betreutem Präsenztraining miteinander verbindet?

Ausblick

Wie eine solche Blended-Learning-Lösung aussehen kann, die sowohl das Training im Fitnessstudio als auch das Training zu Hause erfolgreich kombiniert, und wie Sie als Fitness- und Gesundheitsunternehmer davon profitieren können, zeigen wir Ihnen im dritten Teil unserer Serie anhand eines „Beispiels guter Praxis“ des zertifizierten Online-Präventionskurses „Einführung ins Gesundheitstraining“.

Diesen Artikel finden Sie in der body LIFE 10/17, geschrieben von:
Lars Schirrmacher | ist Geschäftsführender Gesellschafter der symbicon GmbH. Er ist Dipl. -Sportwissenschaftler, Betrieblicher Gesundheitsmanager BAuA, Demografieberater und Gründungs- und Vorstandsmitglied des Bundesverbandes BGM. Kontakt: l.s@symbicon.de

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