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"Fitness global" – die weltweiten Fitnessmärkte

Wie trainieren die Menschen in anderen Ländern? Welchen körperlichen Idealen eifern sie nach und welche Fitnesstrends sind vielleicht auch für den deutschen Markt interessant? "Fitness global" möchte genau diesen Fragen nachgehen. Autor Rainer ­Fischer berichtet in seinem dreiteiligen "Fitness­reisebericht" aus den Ländern Neuseeland, Australien und China. Auf seinen Reisen hat er versucht, ein länderspezifisches "Fitnessstereotyp" zu skizzieren und es durch eine Vielzahl an Gesprächen mit Studiobetreibern und Personal Trainern vor Ort zu manifestieren. Die Beiträge erheben nicht den Anspruch auf wissenschaftliche Validität, sollen aber neue Gedankenan­stöße geben und zu Diskussionen anregen.

Es steht außer Frage, dass die Globalisierung gravierende Veränderungen für unsere Gesellschaft mit sich bringt. Kaum eine andere Entwicklung prägt unser tägliches Leben in einem derart starken Ausmaß. Praktisch all unsere Lebensbereiche sind mittlerweile international oder global ausgerichtet - wir kaufen Bekleidung, die in Kambodscha und Bangladesch produziert wird, trinken Wein aus Frankreich, Italien oder Südafrika, kaufen amerikanische oder koreanische Telefone und Laptops und bestellen Essen beim Italiener, Chinesen oder Japaner. Kurzum: Unser Leben ist global geprägt.

"Outdoor" in Neuseeland

Die Fitnessindustrie in Neuseeland ist mit seinen rund 4,7 Mio. Einwohnern, verteilt auf die Nord- und Südinsel, in den vergangenen 20 Jahren stark gewachsen. Nach Aussagen der neuseeländischen Exercise Association (Exercise New Zealand) betrug das jährliche Wachstum seit 2010 rund 6,5 Prozent. In 2016 waren 717.000 Menschen Mitglied in einem Studio; dies entspricht 16 Prozent der Gesamtbevölkerung. Finanziell betrachtet, erwirtschaftet die Fitnessindustrie 494 Mio. Neuseeland-Dollar im Jahr (ca. 296 Mio. Euro). Trotz des starken Wachstums der vergangenen Jahre gehen Experten davon aus, dass die Branche weiterhin wachsen wird. Richard Beddie, Chief Executive Officer der Exercise New Zealand, geht davon aus, dass die Industrie ihren Peak noch nicht erreicht hat. Basierend auf diesem Wachstum, haben sich diverse Institutionalisierungs- und Professionalisierungsprozesse vollzogen. Große Fitnessketten setzen sich gegenüber kleinen, privat betriebenen Studios immer mehr durch. Das größte Wachstum verzeichnen dabei "24/7- Gyms" sowie Studios im niedrigen Preissegment. Wesentliche Player am Markt sind unter anderem die Studioketten Les Mills, Jetts Fitness, City Fitness und Just Workout.
So viel zum Status quo und den Rahmenbedingungen der neuseeländischen Fitnessindustrie. Wie gestaltet sich Fitness in Neuseeland nun inhaltlich aus? Wie trainieren die Neuseeländer und welche Aspekte können wir in Deutschland möglicherweise adaptieren?

Das Streben nach Kraft und Ausdauer

Das dominierende Thema des neuseeländischen Fitnessmarkts ist das Streben nach Kraft und Ausdauer. Andere Fitnesskomponenten wie Koordination oder Regeneration und Wellness spielen trotz steigenden Zulaufs eine aktuell noch untergeordnete Rolle. Der neuseeländische "Fitnesskern" - in der Einleitung ist von einem "Fitnessstereotyp" die Rede - besteht aus Kraft und Ausdauer. Wer in Neuseeland trainiert, fokussiert sich auf diese beiden Aspekte körperlicher Fitness.
Im Bereich des Krafttrainings steht der Aufbau von Muskelmasse im Vordergrund. Das neuseeländische Körper­ideal orientiert sich am Körperideal ihrer Nationalsportart Rugby. Rugby ist die mit Abstand beliebteste und wichtigste Sportart im neuseeländischen Sportkosmos. Was in Deutschland Fußball ist, ist in Neuseeland Rugby. Die neuseeländische Nationalmannschaft, die weltbekannten "All Blacks", werden in Neuseeland respektiert und verehrt. Der "Lonely Planet" kommentiert wie folgt: "The All Blacks are resident gods: drop any of their names into a conversation, and you will find friends for life" (vgl. "Lonely Planet", New Zealand, 2016). Wer in Neuseeland Fitness- und Krafttraining betreibt, strebt nach dem Körperideal der "All Blacks" - groß, kräftig, massiv. Zwar gibt es im Rugbysport eine Vielzahl an unterschiedlichen Positionen, die an die Spieler unterschiedliche Anforderungen stellen, dennoch bleiben Kraft und Masse die wesentlichen Eigenschaften, die einen erfolgreichen Rugbyspieler auszeichnen. Neuseeland ist ein hervorragendes Beispiel dafür, wie die Kultur eines Landes - wenn man den Nationalsport als Kulturgut bezeichnen möchte - Freizeit­sport und Fitness prägt.

Repräsentiert das typische Körperideal in Neuseeland: Rugbyspieler Edwin Maka

Ganzheitlich kräftigen und massiver Körperbau

Maximale Definition und die spezifische Ausprägung einzelner Muskelgruppen spielen eine untergeordnete Rolle. Krafttraining in Neuseeland strebt nicht nach einem maximal definierten Sixpack oder Bizeps, sondern nach einem ganzheitlich kräftigen und massiven Körperbau; Ober- und Unterkörper gleichermaßen. Der in Neuseeland geborene Rugbyprofi Edwin Maka verkörpert dieses Körperideal. Der 24-jährige Profisportler kommt bei einer Körpergröße von 2,02 m auf rund 140 kg Körpergewicht. Sein Körper steht repräsentativ für das kräftige, massive Körperstereotyp Neuseelands.

Entsprechend gestalten sich auch die Trainingsformen im Kraftbereich: Schwere Gewichte und wenige Wiederholungen prägen das Bild. In den USA würde man diese Art der Kraft bzw. des Krafttrainings als das "country strong" bezeichnen. Zudem gewinnen ganzheitliche Trainingsformen nach dem "Bootcamp"-Prinzip an Bedeutung. In fast allen größeren Städten Neuseelands werden derartige Konzepte beworben und sowohl in den Studios als auch außerhalb, je nach Lage z.B. in Parkanlagen oder am Strand, durchgeführt. Diese Bootcamps zielen darauf ab, Menschen in kurzer Zeit "neuseelandfit" zu machen, sprich: Muskelaufbau inklusive einer gewissen Form der psychischen und physischen Abhärtung.

Beispielhafte Bewerbung eines Fitness-Bootcamps in Neuseeland

Ausdauertraining im Freien

Das zweite Kernthema neuseeländischer Fitness ist die Ausdauer. Hier steht Grundlagenausdauertraining im niedrigen bis mittleren Intensitätsbereich im Vordergrund. Auffällig ist dabei, dass Ausdauertraining nicht im Studio stattfindet, sondern hauptsächlich draußen. Fitnessstudios in Neuseeland sind typischerweise nur mit einer relativ geringen Anzahl an Laufbändern, Fahrrädern, Steppern, Rudermaschinen oder sonstigen Ausdauergeräten bestückt. Neuseeland bietet von seiner Geografie und Topografie die optimalen Voraussetzungen für ein Ausdauertraining an der frischen Luft. Berge, Seen, Flüsse, Wälder, verkehrsarme Straßen: Das "Ausdauerherz" findet alles, was es begehrt. Die vielleicht wichtigsten Ausdauersportarten in Neuseeland sind das Laufen und das Wandern (in Neuseeland auch "Tramping" genannt). Wanderwege finden sich über das gesamte Land verteilt. Das Spektrum reicht dabei von kurzen, flachen Wegen bis zu anspruchsvollen Trails mit extremen Höhenunterschieden und Steigungsgraden. Neuseeland verfügt über tausende Kilometer an Wanderwegen. Auch mehrtägige Wanderungen inklusive Übernachtung in Zelten oder sogenannten Hubs gehören in Neuseeland zum typischen Ausdauertraining. Neuseeland verfügt über neun sogenannte Great Walks mit Distanzen zwischen 32 und 145 Kilometern.

Neben dem Wandern ist auch das Laufen von großer Bedeutung. In Städten wie Auckland, Wellington, Queenstown oder Christchurch trifft man eigentlich zu jeder Tageszeit Jogger und Läufer sämtlicher Altersklassen und Leistungsstufen. Gelaufen wird dabei hauptsächlich in den Parkanlagen (die zudem häufig mit Outdoorfitnessgeräten ausgestattet sind - vergleichbar mit modernen Trimm-dich-Pfaden in Deutschland) oder direkt am Strand.

Auffällig ist, dass es in Neuseeland viele sogenannte Vorfußläufer gibt, das heißt Läufer, die nicht zuerst mit der Ferse aufsetzen, sondern direkt mit dem Fußballen. Dieser Laufstil gilt als der natürlichste und gesündeste Laufstil überhaupt (vgl. "The Running Revolution", Nicholas Romanov) und ist mit großer Wahrscheinlichkeit auf die Barfußkultur der Neuseeländer zurückzuführen - ein weiteres Beispiel dafür, wie die Kultur eines Landes Training und Fitness beeinflussen kann. In Deutschland ist dieser Laufstil bisher noch nicht allzu verbreitet und findet eher im Bereich des Leistungssports Anwendung.

Fazit

Das neuseeländische Fitnessstereotyp lässt sich also folgendermaßen zusammenfassen: Fitness in Neuseeland bedeutet die Kombination aus Kraft und Masse, gepaart mit einer guten Grundlagenausdauer. Das Krafttraining orientiert sich am Volkssport Rugby sowie ­einer militärischen Bootcamp-Philosophie. Ausdauersportarten sind insbesondere Wandern und Laufen auf ganz unterschiedlichen Niveaus und mit ganz unterschiedlichen Zielsetzungen.

Was kann sich nun die deutsche Fitnessindustrie von diesem Stereotyp abschauen und übertragen? Basierend auf den geschilderten Eindrücken und Gesprächen, erscheint vor allem das Thema "Outdoorfitness" für den deutschen Markt interessant. Fitness - egal ob Kraft oder Ausdauer - findet in Neuseeland vielfach draußen statt. Auch bei uns gibt es einen klaren Trend Richtung Outdoor und Aktivitäten unter freiem Himmel, oftmals aber noch mit einem relativ geringen Organisationsgrad. Warum sollte sich dieser Trend in Zukunft nicht weiter verstärken? Studiobetreiber sollten prüfen, welche Aktivitäten und Trainingsformen nach draußen verlagert werden können und wie entsprechende Angebote diesbezüglich aussehen könnten. Wer hier ein überzeugendes Angebot entwickelt, kann sich unter Umständen weiter vom Wettbewerb abgrenzen und sich erfolgversprechend am Markt positionieren. Die Herausforderung wird insbesondere darin bestehen, diese Angebote über das ganze Jahr aufrechtzuerhalten bzw. ganzjahrestauglich auszugestalten. Es bleibt spannend zu beobachten, wie sich das Verhältnis von Indoor- zu Outdoorfitness in Deutschland weiterhin entwickeln wird.
Der nächste Halt ist: Australien.

Rainer Fischer absolvierte ein Studium an der Deutschen Sporthochschule Köln im Bereich Sportmanagement und Kommunikation (B.A.) sowie den Masterstudiengang Sportmanagement an der Fakultät für Wirtschaft der SRH Hochschule Heidelberg. Thematische Schwerpunkte lagen in den Bereichen des Markenmanagements sowie der ganzheitlichen organisationalen Neuausrichtung. Er arbeitet gegenwärtig als Consultant für ein renommiertes Forschungs- und Beratungsunternehmen in der Sportbranche. Dabei entwickelt er bedarfsorientierte Problemlösungen für strategische Fragestellungen in der Sport- und Freizeitwirtschaft.

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