Anzeige
(Foto: Top Vector Studio/shutterstock.com)

"Fitness global" - die weltweiten Fitnessmärkte

Wie trainieren die Menschen in anderen Ländern? Welchen körperlichen Idealen eifern sie nach und welche Fitnesstrends sind vielleicht auch für den deutschen Markt interessant? "Fitness global" möchte genau diesen Fragen nachgehen. Autor Rainer ­Fischer berichtet in seinem dreiteiligen "Fitness­reisebericht" aus den Ländern Neuseeland, Australien und China. Auf seinen Reisen hat er versucht, ein länderspezifisches "Fitnessstereotyp" zu skizzieren und es durch eine Vielzahl an Gesprächen mit Studiobetreibern und Personal Trainern vor Ort zu manifestieren. Die Beiträge erheben nicht den Anspruch auf wissenschaftliche Validität, sollen aber neue Gedankenan­stöße geben und zu Diskussionen anregen.

Nachdem ich im ersten Teil dieser Serie über meine Eindrücke vom Fitnessmarkt in Neuseeland berichten durfte und dabei insbesondere auf die Themen "Outdoorfitness" und "Muskelaufbau nach dem Vorbild des Volkssports Rugby" eingegangen bin, geht es in diesem zweiten Teil der Serie um den Fitnessmarkt in Australien. Auch hier möchte ich drei konkreten Fragestellungen nachgehen: Wie sieht der australische Sport- und Fitnessmarkt grundsätzlich aus? Wie trainieren die Australier und welche körperlichen Ideale streben sie an? Welche Komponenten der australischen Fitness lassen sich gegebenenfalls auf den deutschen Fitnessmarkt übertragen?

"Sporthauptstadt der Welt"

Australien ist mit seinen rund 24 Millionen Einwohnern eine absolut sportbegeisterte Nation. Viele verschiedene Sportarten wie beispielsweise Australien Rules Football, Bush Walking, Cricket, Fußball, Golf, Surfen, Schwimmen, Tennis und Triathlon erfreuen sich großer Beliebtheit. Auch der australische Verlag Lonely Planet, der bekannt ist für seine Reiseführer, listet die "Sporting Obsession" der Australier als eine der "Top 25"-Attraktionen, die man bei einer Reise durch Australien unbedingt erlebt haben sollte. Die Begeisterung für Sport erreicht ihren Höhepunkt in der südaustralischen Metropole Melbourne. Die Hauptstadt des Bundesstaats Victoria bezeichnet sich selbst als "die Sporthauptstadt der Welt" - ein durchaus gewagtes und nicht gerade bescheidenes Statement. Allerdings muss diese Aussage auch erst einmal widerlegt werden. Welche andere Metropole in der Welt kann ein derartiges Sportangebot aufweisen? New York, Singapur, Paris oder London ... wer weiß?
Unabhängig davon, ob Melbourne die globale Sporthauptstadt ist oder nicht, ist die Begeisterung für den Sport in Australien unbestritten und überall spürbar. Dies spiegelt sich auch im australischen Fitnessmarkt wider: Rund 15 Prozent der australischen Erwachsenen sind Mitglied in einem Fitnessstudio (vgl. BBC Sydney, 2018). Die rund 3,6 Millionen Mitglieder verteilten sich in 2013/14 auf rund 3.600 Studios (vgl. statista, 2018). Ein durchschnittliches Fitnessstudio in Australien hat somit rund 1.000 Mitglieder; eine durchaus beachtliche Zahl, wenn man die geringe Bevölkerungsdichte Australiens mit rund 3,1 Menschen pro Quadratkilometer berücksichtigt (vgl. Australien Bureau of Statistics, 2016).

Von Sport und Fitness ­begeistert

Die gegenwärtige Anzahl von 3.600 Studios wird von Experten auch mit Blick in die Zukunft als realistischer und konstanter Wert angesehen. Dies lässt den Rückschluss zu, dass sich der australische Fitnessmarkt hinsichtlich der Studioanzahl aktuell auf einem Hochpla­teau befindet. Das Wachstum in den vergangenen fünf bis zehn Jahren - zum Vergleich: In 2007 waren es noch rund 2.600 Studios - ist etwas abgeflacht und pendelt sich auf einem konstant hohen Niveau ein. Finanziell betrachtet, erwirtschaftet der Fitnesssektor rund 1,3 Milliarden australische Dollar pro Jahr, was einer Summe von 780 Millionen Euro entspricht. Berücksichtigt man neben den Mitgliedsbeiträgen noch Ausgaben für Sport- und Fitnessequipment, geben die Australier sogar 8,5 Milliarden australische Dollar pro Jahr aus (vgl. Cost of Being Fit Report, 2018); dies entspricht 2.350 Dollar pro Haushalt. Die Australier sind also nicht nur von Sport und Fitness begeistert, sondern lassen sich diese Begeisterung auch etwas kosten.
Insbesondere Studios im niedrigen Preissegment sowie die "24/7 Gyms" erfreuen sich in jüngster Vergangenheit eines großen Mitgliederzulaufs und machen etablierten Studios erhebliche Konkurrenz. Aufgrund des extremen Wettbewerbs auf dem australischen Fitnessmarkt ist Innovationskraft von entscheidender Bedeutung. Sämtliche Anbieter suchen kontinuierlich nach neuen Trends im Fitnessbereich und nach Wegen, diese Trends in konkrete Angebote zu überführen und profitabel am Markt zu positionieren. Aktuelle Themen, mit denen sich australische Studios auseinandersetzen, sind unter anderem "24-Stunden-Studios", "Angebote für den wachsenden Markt an Senioren", "Indoor und Outdoor", "Personal Training" sowie der "präventive Kampf gegen Übergewicht und Fettleibigkeit" sowohl im Kindes- als auch im Erwachsenenalter (vgl. Fitness Australia & Current Industry Trends, 2015).

Australien ist ein weiteres Beispiel dafür, wie eine einzelne Sportart und die dazugehörige ­Kultur das Fitnesstraining einer Nation beeinflussen und prägen können (Foto: PomInOz/shutterstock.com)

Orientierung am "Beach ­Body"

Nach dieser schwerpunktmäßig quantitativen Beschreibung des australischen Fitnessmarkts soll nun den Fragen nachgegangen werden, wie der australische Fitnessstereotyp aussieht. Welches körperliche Ideal streben die Australier an und wie trainieren sie konkret, um dieses Körperideal zu erreichen? Vorweg ist zu betonen, dass "Fitness" in Australien ein sehr heterogenes und damit ausdifferenziertes Thema darstellt. Dies wird schon allein aus der Vielzahl beliebter Sportarten deutlich (vgl. Auflistung beliebter Sportarten in der Einleitung des Artikels). Wer sein Fitnesstraining am Australien Rules Football ausrichtet, trainiert anders als beispielsweise Cricketspieler oder Triathleten.
Wenn wir über erkennbare Schwerpunkte oder übergreifende Stereotypen sprechen, dann orientiert sich Fitness in Australien am sogenannten Beach Body. Australien ist eine Nation mit vielen Küsten und Stränden und der Großteil der Bevölkerung lebt an diesen. Wer in Australien trainiert, strebt einen "Surfer-" bzw. "Beach Body" an. Australien ist ein weiteres Beispiel dafür, wie eine einzelne Sportart und die dazugehörige Kultur das Fitnesstraining einer Nation beeinflussen und prägen können. Die Sportart Surfen hat sich in Australien von einer linksorientierten, hippiekulturellen und damit leicht verpönten Sportart in den 1960er und 1970er Jahren inzwischen zu einer angesehenen und mainstreamorientierten Sportart für alle Altersklassen inklusive dazugehöriger Strandkultur und Millionenindustrie entwickelt. Es ist keine Überraschung, dass renommierte Surfmarken wie Rip Curl und Quiksilver ihren Ursprung in Australien haben. Beide stammen aus Torquay, einem kleinen Ort an der aus­tralischen Südküste, der heute die unbestrittene Hauptstadt der australischen Surfindustrie ist.

Merkmale des Fitness­trainings

Zurück zum australischen Fitnesstraining: Konkrete Merkmale des Surfer- bzw. Beach Bodys sind ein leichter Körperbau mit einer stabilen Körpermitte, die Definition einzelner Muskelgruppen insbesondere im Arm- und Schulterbereich sowie ein niedriger Körperschwerpunkt und gute koordinative und gleichgewichtsorientierte Fähigkeiten. Genau an diesen Merkmalen orientiert sich das australische Fitnesstraining, das, nebenbei bemerkt, nicht nur in den Studios stattfindet, sondern insbesondere an den Wochenenden direkt am Strand durchgeführt wird.
Die Profisurferin Sally Fitzgibbons hat, basierend auf diesen Merkmalen, das Konzept "All Australian Beach Body" entwickelt. Ein Ausdruck, der bei Google bereits mehr als 40 Millionen Treffer ­erzielt. Dieses Konzept steht repräsentativ für die australische stereotype ­Beach- Body-Fitness. Unter den Schlagworten "Fit. Lean. Strong" hat Sally Fitzgibbons eine Vielzahl an Übungen und Workouts entwickelt, um das Körperideal des ­Beach Bodys zu erreichen. Zu nennen ist hierbei insbesondere das Core-Training für eine stabile Rumpfmuskulatur. Übungen wie Crunches, Reverse Crunches, Side Crunches auf dem Gymnastikball sowie Planks und Side Plank Twists zählen dabei zum Basisprogramm. Weitere Übungen kommen aus dem Bereich der Sprints und Sprünge sowie aus dem CrossFit, z.B. Mountain Climbers und Push Ups in verschiedenen Variationen (beides ideale Übungen, um den sogenannten Take-off, das Aufstehen auf dem Surfbrett, auf dem Trockenen zu trainieren). Die Vielzahl an Übungen kann ohne jegliches Equipment und prinzipiell überall durchgeführt werden. Aufgrund dieser Tatsache ist ein solches Trainingsprogramm für praktisch alle Altersgruppen praktikabel. Auch für die oftmals vernachlässigten älteren Altersgruppen erfüllt ein derartiges Training seinen Zweck. Durch balanceorientierte Übungen und die Stärkung der Körpermitte werden Themen wie "Prävention" und "Sturzprophylaxe" adressiert.

Die Sportart Yoga spielt eine wichtige Rolle: Yoga ist praktisch der Gegenpol zum adrenalingeladenen Surfsport und vervollständigt die australische Kultur der Beach-Fitness (Foto: Isabelle FABRE/shutterstock.com)

Yoga als Gegenpol

Doch damit noch nicht genug. Das Surfen und die damit einhergehende Kultur stehen nicht nur mit den bisher beschriebenen Fitnesskomponenten in Zusammenhang, sondern bringen noch weitere mit sich. Die Sportart Yoga spielt dabei eine wichtige Rolle. Ausgeglichenheit und Beweglichkeit sind nicht nur für die Sportart Surfen von großer Bedeutung, sondern gehen auch mit der ­Beach-Kultur der Australier - Stichwort: "Hang loose" - einher. Yoga ist praktisch der Gegenpol zum adrenalingeladenen Surfsport und vervollständigt die australische Kultur der Beach-Fitness. Von der Verbindung dieser beiden Fitnesskomponenten durfte ich mich im Rahmen des "Noosa Festival of Surfing" im gleichnamigen Ort selbst überzeugen - neben sämtlichen Angeboten zum Thema "Surfen" stand auch täglich eine Vielzahl an yogaspezifischen Angeboten auf dem Programm.
In Ergänzung zu den aufgezeigten Aspekten, die das Training selbst betreffen, spielt auch Ernährung eine immer wichtigere Rolle im australischen Fitnessdenken. Die australische Küche ist traditionell als eine sehr fleischlastige Küche bekannt. Barbecue, Steak und Burger stehen auf dem australischen Ernährungsplan ganz weit oben. Doch es wird insgemein deutlicher, dass auch auf die Ernährung immer mehr Wert gelegt wird. Ein fitter Körper und eine gesunde Ernährung gehen schließlich Hand in Hand. Infolgedessen erscheint es wenig überraschend, dass sich viele Fitnessstudios in Australien nicht länger nur mit individuellen Trainingsplänen und Kurskonzepten befassen, sondern auch versuchen, ihre Mitglieder hinsichtlich gesunder Ernährung aufzuklären und konkret zu beraten.

Ausblick

Zum Abschluss des zweiten Teils stellt sich noch die Frage, ob und welche Komponenten der australischen Beach-Body-Fitness sich auf den deutschen Fitnessmarkt übertragen lassen und wie diese Übertragbarkeit dann grundsätzlich aussehen könnte.
Das Thema "Beach Body" gewinnt ohne Zweifel auch in Deutschland zunehmend an Bedeutung. Der Beach Body erzeugt ausschließlich positive Konnotationen. Insbesondere jüngere Altersklassen sehen im Beach Body ein erstrebenswertes Körperideal. Insofern erscheint es für deutsche Studios durchaus lohnenswert, diesen Gedanken zu prüfen und entsprechende Angebote und Konzepte zu entwickeln. Mehrwöchige oder sogar mehrmonatige Angebote in den Winter- und Frühjahrsmonaten könnten hier ein erster Baustein sein. Eine Mischung aus angeleitetem Gruppentraining und Einzeltraining - indoor und outdoor - könnte das Fundament für ein derartiges Konzept bilden. Es bleibt spannend zu beobachten, ob das Thema "Beach Body" und damit einhergehende Fitnesskonzepte einen Platz auf dem deutschen Fitnessmarkt finden. Nächster Halt: die aufstrebende Sportnation China.

Hier geht's zum 1. Teil: Fitness in Neuseeland

Rainer Fischer absolvierte ein Studium an der Deutschen Sporthochschule Köln im Bereich Sportmanagement und Kommunikation (B.A.) sowie den Masterstudiengang Sportmanagement an der Fakultät für Wirtschaft der SRH Hochschule Heidelberg. Thematische Schwerpunkte lagen in den Bereichen des Markenmanagements sowie der ganzheitlichen organisationalen Neuausrichtung. Er arbeitet gegenwärtig als Senior Consultant für ein renommiertes Forschungs- und Beratungsunternehmen in der Sportbranche. Dabei entwickelt er bedarfsorientierte Problemlösungen für strategische Fragestellungen in der Sport- und Freizeitwirtschaft.

Aus-, Fort und Weiterbildung
Beratung
Cardio
EMS
Ernährung
Functional
IT / Software
Kraft
Reha und Prävention
Testing und Diagnose
Wellness

News Ticker