Diagnose: Bandscheibenvorfall
Trainingsplanerstellung & Methodenauswahl bei einem Prolaps
Das klassische Krankheitsbild eines Rückenpatienten stellt der Bandscheibenvorfall dar. Ist die Therapie abgeschlossen, suchen viele Betroffene Hilfe in einem Gesundheitszentrum. Doch welche Trainingsmethode und -intensität erweist sich hier als richtig? Unser Trainingsplan liefert Antworten.
"Isch habe Rücken“ – Horst Schlämmer, Kultfigur des Comedians Hape Kerkeling –, teilt seine Krankengeschichte mit rund 80% aller Bundesbürger. Längst steht die Linderung von Rückenerkrankungen auf der Prioritätenliste vieler Studiomitglieder ganz oben. 70% dieser Beschwerden treten im lumbalen Bereich der Wirbelsäule auf, also im „unteren Rücken“ in Höhe der Lendenwirbelsäule.
Im Fokus: Lendenwirbelsäule
90% aller Bandscheibenvorfälle entstehen zwischen dem 4./5. Lendenwirbel (L4/L5) und zwischen dem 5. Lendenwirbel/ 1. Kreuzbeinwirbel (L5/S1). Aufgrund dessen, wird im Folgenden ausschließlich die Vorgehensweise bei einem Prolaps in der Lendenwirbelsäule beschrieben. Aus medizinischer Sicht ist das Ende der Therapie nicht vor der achten bis zehnten Woche nach einem Bandscheibenvorfall zu erwarten. Häufig werden die Patienten heutzutage aufgrund der Einsparungen des Gesundheitssystems nicht mehr über den genannten Zeitraum entsprechend therapeutisch versorgt. Viele haben auch nach der zehnten Woche noch starke Beschwerden, sodass eine weitere fachgerechte Betreuung notwendig ist. Die häufigste Ursache eines Prolaps ist die kombinierte Vorwärts-Seitwärts-Neigung, um einen schweren Gegenstand anzuheben. Meist ist ein einseitiges Bewegungsverhalten über mehrere Monate bis Jahre vorangegangen, das zu der fortschreitenden Rissbildung im Bandscheibengewebe geführt hat. „Stumme“ Bandscheibenvorfälle sind schmerzfrei, gegebenenfalls können neurologische Ausfälle auftreten. Meist drückt jedoch ein lumbaler Bandscheibenvorfall auf eine der Wurzeln des Ischiasnervs. Die Folge: Ischialgie (Schmerz des Ischiasnervs). Die Schmerzen strahlen von der Lendenwirbelsäule aus ins Bein. Zudem kann es je nach Höhe des Vorfalls zu Sensibilitätsstörungen im betroffenen Dermatom und Lähmungen der von den Nervenwurzeln versorgten Muskulatur kommen.
Trainingstherapie
In Abhängigkeit von der Symptomatik entscheiden die Ärzte, ob ein Patient konservativ oder operativ behandelt wird. Für die Arbeit eines Fitnesstrainers macht dies nahezu keinen Unterschied, da seine Arbeit am Patienten in der Regel erst nach dem Akutstadium und erfolgter Sportbzw. Physiotherapie beginnt. Bis ca. zur vierten Woche sollte der Patient endgradige Rotationen, Extensionen und Lateralflexionen, längere Sitzphasen, Heben und Tragen vermeiden. Ab der vierten Woche sollte dann ausschließlich Wert darauf gelegt werden, dass nicht über einen längeren Zeitraum mit einer Körperhälfte gehoben und getragen wird.
Therapieprozess und Inhalte
Für eine fachgerechte Trainingsbetreuung ist es wichtig den richtigen Umfang, die geeignete Methode und die Intensität der einzelnen Bestandteile des Trainingsplans auszuwählen. Die Hauptziele der Trainingstherapie nach einem Bandscheibenvorfall sind Stabilisation sowie Beschwerdefreiheit.
1. Krafttraining für Rumpf und Haltung
Für das Krafttraining im Rehabilitationsprozess haben mehrere Wissenschaftler bereits Stufenmodelle entwickelt. Die Ansichten hinsichtlich der Abfolge des Trainings unterschiedlicher Kraftqualitäten bzw. des Einsatz unterschiedlicher Krafttrainingsmethoden im Rehabilitationsverlauf sind übereinstimmend. Nach einem Vortraining zur Verbesserung der intermuskulären Koordination, wird ein extensives Kraftausdauertraining (30–40% der Maximalkraft/25–40 Wiederholungen) durchgeführt. Es folgen ein intensives Kraftausdauertraining bzw. Muskelaufbautraining (40–75% der Maximalkraft/8–15 Wiederholungen) und ein Training zur Steigerung der neuromuskulären Kraftqualitäten (75–100% der Maximalkraft/1–6 Wiederholungen). Den Abschluss jedes Stufenmodells für ein Muskeltraining in der Rehabilitation stellt das Training sportart- und alltagsspezifischer Kraftqualitäten dar. Hier führt der Leistungssportler z.B. Reaktiv- oder Schnellkraftübungen und der Lagerist spezielle dreidimensionale Bewegungsmuster am Seilzug zur Verbesserung der Maximalkraft oder Kraftausdauer durch. Der Übergang von einer Stufe zur nächsten sollte nach ca. 3–5 Wochen und nach permanenter Rücksprache mit dem Patienten vorgenommen werden. Vor allem der Schritt vom Kraftausdauertraining zum Muskelaufbautraining sollte erst erfolgen, wenn der Patient weitgehend schmerzfrei bei den bisherigen Übungen im limitierten Bewegungsausmaß ist. Problematisch sind nun zwei Aspekte bei den Stufenmodellen. Zum einen gehen diese wissenschaftlichen Modelle davon aus, dass der Rehabilitationsprozess permanent von einer Trainingseinrichtung durchgeführt wird und der jeweilige Trainer bzw. Therapeut genau über den Leistungsstand des Patienten informiert ist. Dies ist leider nur in den seltensten Fällen die Realität, sodass häufig die medizinischen Fitnesstrainer in den Fitnessstudios nicht von den vorherigen Therapeuten wissen, welche Übungen mit welchen Intensitäten bzw. Umfängen von dem Patienten bereits bewältigt wurden.
Das zweite Problem sind die Angaben hinsichtlich der Intensität der Kraftreize. Diese orientieren sich prozentual an der Maximalkraft, obwohl der Kunde wahrscheinlich noch nie einen Maximalkrafttest durchgeführt hat. Geschweige denn seitdem er unter dem Bandscheibenvorfall leidet und eine gänzlich andere Leistungsfähigkeit an den Tag legt! Hilfreich ist es, während der Rehabilitation die Intensität über das subjektive Belastungsempfinden zu steuern und den Trainierenden nach seiner persönlichen Einschätzung des Trainingsgewichts zu fragen. Zudem sind weitere Aspekte beim Krafttraining in der Rehabilitation zu berücksichtigen. Zum gezielten Muskelaufbau und zur besseren lokalen Muskelermüdung ist ein Mehrsatztraining (2–4 Sätze) einem Einsatztraining vorzuziehen. Um auch gegen Ende eines Satzes die optimale Bewegungsqualität zu gewährleisten und die für orthopädische Patienten gefährlichen Ausgleichsbewegungen zu vermeiden, ist die „sanfte“ Krafttrainingsmethode zu bevorzugen. Dies bedeutet, dass die letzte Wiederholung nicht die letztmögliche sein sollte, sondern der Kunde sollte grundsätzlich noch im Stande sein, 2–5 weitere Wiederholungen bis zum Erreichen des Wiederholungsmaximums durchzuführen.
2. Autostabilisationstraining
Autostabilisationstraining beschreibt alle Trainingsmaßnahmen, bei denen die haltungsstabilisierende Muskulatur ohne Fixierung der Wirbelsäule arbeiten muss. Derartige Übungen können im Freihantelbereich, am Seilzug oder mit dem eigenen Körpergewicht durchgeführt werden. Durch dieses Training werden vor allem die rumpfstabilisierenden Muskeln bezüglich ihrer intermuskulären Koordination verbessert und die kleinen Muskeln direkt an der Wirbelsäule erreicht (medialer Trakt des M. erector spinae). Für Patienten nach einem Bandscheibenvorfall, die die passiven Strukturen ihrer Wirbelsäule entlasten möchten, sind Autostabilisationsübungen in jeden Trainingsplan zu integrieren.
3. Propriozeptives Training
Propriozeptoren sind Messfühler, die im gesunden Zustand Informationen über Muskellängen und Gelenkstellungen an das Zentralnervensystem senden. Nach einem Bandscheibenvorfall ist die Informationszufuhr von den entsprechenden Propriozeptoren an der Wirbelsäule gestört. Propriozeptives Training nimmt im kompletten Rehabilitationsverlauf einen wichtigen Stellenwert zur Verbesserung der aktiven Stabilisationsfähigkeit des Rumpfes ein. Zu den Trainingsmaßnahmen zur Verbesserung der Propriozeption zählen Seilzug- oder Freihantelübung bei denen der Trainierende auf instabilen Untergründen den Körper in der Balance halten muss.
4. Ausdauertraining
Das Ausdauertraining nimmt auch im Fitnesstraining nach einem Prolaps eine wichtige Rolle ein. Um Ausweichbewegungen auszuschließen und die Regenerationsphasen zu beschleunigen, ist zunächst ein Ausdauertraining im Grundlagenbereich mit der Dauermethode (60–80% der maximalen Herzfrequenz) zu empfehlen. Sobald der Kunde in das alltags- und sportartspezifische Training einsteigt, sind auch wieder die spezifischen Ausdauerqualitäten über die speziellen Methoden zu trainieren. Ziel des Ausdauertrainings bei Erkrankungen der Wirbelsäule ist die Haltungsstabilisation während der gesamten Ausdauerbelastung. Der Patient sollte in der Lage sein, auf jedem Ausdauergerät mit der entsprechenden Haltungskontrolle trainieren zu können. Empfehlen Sie ihm den Crosstrainer oder die Armkurbel, da hier die haltungsstabilisierende Muskulatur sehr aktiv ist.
5. Beweglichkeitstraining
Es müssen alle Muskelgruppen gedehnt werden, die die aufrechte Haltung behindern. Hierzu kann der Patient meist einen Befund von der jeweiligen Rehabilitationseinrichtung vorlegen, von der meist bereits eine Muskelfunktionsdiagnostik durchgeführt wurde. Hiermit lässt sich feststellen, welche Muskeln in ihrer Beweglichkeit eingeschränkt sind und entsprechend zu dehnen sind. Achtung: Beim Stretching der Muskulatur am hinteren Oberschenkel haben manche Kunden beziehungsweise Patienten einen einstechenden Schmerz.
Trainingsplanerstellung
Vorab sei gesagt, dass standardisierte Trainingspläne gerade in der Rehabilitation bei Wirbelsäulenpatienten nicht angebracht sind, da die subjektive Befindlichkeit und individuelle Schmerzentwicklung sehr unterschiedlich sein können! Für die Auswahl der Kraftübungen (siehe Tabelle) wurden Ergebnisse aus Studien der Wissenschaftler Boeckh-Behrens und Buskies herangezogen, die EMGMessungen bei verschiedenen Übungen durchgeführt haben und somit die „effektivsten“ Übungen für einzelne Muskelgruppen ermittelt haben. Sehen Sie folgenden Trainingsplan als einen sinnvollen, aber nicht allgemeingültigen Trainingsplan (drei Mal pro Woche) für einen Bandscheibenpatienten nach bereits erfolgter therapeutischer Behandlung an. Anmerkung: Der Trainingsplan sollte die Dauer von 75–90 Minuten nicht übersteigen! Viele Trainer neigen dazu, zahlreiche „Spezialübungen“ aneinanderzureihen, sodass das Training zwei bis drei Stunden dauern müsste, um alle Übungen durchzuführen.
Sascha Martini, www.ist-studieninstitut.de




