Diagnose Sportsucht - wenn aus Spaß Ernst wird
Sport macht Spaß und ist gesund. Nicht immer. Im Fall von Sabine W. (30 Jahre, 1,70 m, 50 Kilogramm) hat das Sportpensum schon längst gefährliche Ausmaße angenommen. Ihr Schicksal ist kein Einzelfall. Laut Expertenschätzungen leidet in Deutschland etwa 1% der Freizeitsportler unter Sportsucht. Viele davon trainieren in einem Fitnessstudio.
Längst überschreitet das Sportprogramm von Sabine W. ein gesundes Maß: Täglich geht die Bürokauffrau vor der Arbeit 45 Minuten Joggen. In der Mittagspause absolviert sie einen „kurzen“ Bauch-Beine-Po-Zirkel und direkt nach der Arbeit geht es weiter: 60 Minuten Aufwärmen auf dem Ergometer und danach zwei Groupfitnesskurse. Dieser Trainingsmarathon klingt nicht mehr nach reinem Vergnügen, sondern nach purer Quälerei und beschreibt eine Krankheit, bei der die Betroffenen jegliches Maß für gesunde Bewegung verloren haben. Die Rede ist von Sportsucht.
Zweites Zuhause Fitnessstudio
Ein Sportverhalten wie bei Sabine W. entspricht nicht mehr der Norm. In amerikanischen Fitnessstudios haben solche Mitglieder längst einen Namen. Sie werden als „permanent residents“ (Dauerbewohner oder ständige Bewohner) bezeichnet, deren zweites Zuhause das Trainingscenter ist. Auch in deutschen Sport- und Fitnessstudios sind solche „Fitness-Verrückte“ zu beobachten. Eindeutige wissenschaftliche Untersuchungen über die neue „Zeitkrankheit“ Sport- oder auch Fitnesssucht existieren zwar noch nicht, Experten sind sich jedoch sicher, dass die Zahl der Betroffenen stetig wächst. Die Sport- oder auch Fitnesssucht bezeichnet eine nichtstoffliche Sucht, die aus allgemeiner Sicht unter den Oberbegriff Verhaltenssucht fällt. Mediziner sprechen von einem suchtartig zwanghaften Verlangen nach sportlicher Betätigung ohne Wettkampfambitionen, welches sich teils in kontrolliertem und teils unkontrolliertem exzessivem Trainingsverhalten äußert. Trotz den damit verbundenen bzw. daraus resultierenden körperlichen und seelischen Beschwerden leiden Sportsüchtige unter dem inneren Zwang, ihrer sportlichen Betätigung nachgehen zu müssen. Die Sportsucht ist begrifflich seit Mitte der 1990er-Jahre in den USA bekannt. Trotz ihrer hohen gesundheitsbeeinträchtigenden Wirkung ist sie international noch immer nicht als psychische Störung oder ernst zu nehmende Erkrankung im Sinne einer eigenständigen medizinischen Diagnose anerkannt. Psychologen schätzen, dass in Deutschland etwa ein Prozent der Freizeitsportler von Sportsucht betroffen ist. Die Dunkelziffer dürfte, wie bei den meisten Zahlen zu Suchtabhängigen, weitaus höher liegen. Durch die fehlende allgemeingültige Definition der Diagnose Sportsucht exis tieren keine Grenzen und es bleibt unklar, wo ambitioniertes Sporttreiben endet und wo wahnhaftes Verfolgen sportlicher Ziele beginnt. Denn oft ist der Übergang vom engagierten Hobbysportler zum Sportsüchtigen fließend.
Sportsüchtige leiden häufig auch unter Essstörungen
Als Einzelphänomen ist die Sport- oder Fitnesssucht eher selten; sie wird oftmals von Essstörungen begleitet. Experten gehen sogar so weit und bezeichnen die Sportsucht selbst als eine Ausprägung/einen Spezialfall eines krankhaften Essverhaltens (Aktivitätsanorexie = der Betroffene treibt lediglich Sport, um nicht dick zu werden). Aufgrund noch fehlender allgemeingültiger Diagnosen ist die Unterscheidung zur sog. Aktivitätsanorexie (Sportsucht mit krankhaftem Essverhalten) noch strittig. Die zwei häufigsten Erscheinungsformen stellen sich jedoch wie folgt dar:
- Bei einer vorliegenden Sport-Bulimie (Bulimia athletica) wird jeder Fressanfall mit einer zusätzlichen exzessiven Trainingseinheit bestraft und Nahrung vorrangig nicht erbrochen.
- Im Rahmen einer Sport-Anorexie (Anorexia athletica) fällt hingegen die Nahrungsaufnahme trotz übermäßigen Trainings vollständig weg.
In beiden Fällen dient das intensive Trainieren vor allem dazu, das Körpergewicht zu reduzieren und ein bestimmtes Figurideal zu erreichen.
Warum Sport zum Zwang wird
Warum manche Mitglieder die Grenze von einem vergleichsweise normalen hin zu einem durch Zwänge getriebenen Sportverhalten überschreiten, ist unklar. Einige instrumentalisieren ihren Sport als Bewältigungsstrategie für Probleme, deren Ursachen tiefer liegen. Fakt ist: Die auslösenden Ursachen, ihre Abstufungen und ihr Zusammenspiel unterscheiden sich von Fall zu Fall. Die gängigsten Erklärungsansätze sind:
- Auf der psychischen Ebene kann ein sportsüchtiges Verhalten dazu dienen, das Selbstbewusstsein zu steigern und Ängstlichkeit zu mindern. So wird beispielsweise die völlige körperliche Erschöpfung oder das Erreichen eines Trainingsziels als Erfolgserlebnis gewertet. Der sportliche Erfolg kompensiert Misserfolge in anderen Bereichen; eine eigentliche Problembewältigung findet nicht statt. Für diese Theorie spricht, dass Sportsüchtige zwar nicht nach außen, aber doch innerlich unsichere und selbstkritische Menschen sind. Mit Hilfe ihrer sportlichen Leistung heben sie ihr Selbstbewusstsein.
- Auf psychosozialer Ebene äußern Experten ebenso den Verdacht, dass rein die Ablenkung von Alltagsproblemen bei der Entwicklung dieser Sucht eine Rolle spielen kann. Während intensiver körperlicher Anstrengung konzentrieren sich die betroffenen Sportler nur auf das Hier und Jetzt. Alltagsprobleme sind für den Zeitraum des Trainings irrelevant. Die Sportler laufen vor ihren Problemen wortwörtlich davon und begehen regelmäßig Realitätsflucht.
- Auf Ebene der körpereigenen Hormonproduktion findet sich ein weiterer Erklärungsansatz. Dabei wird die verstärkte Endorphin- oder auch Adrenalinausschüttung bei intensiver oder gefährlicher sportlicher Betätigung und dem damit im Extremfall verbundenen „Rauschzustand“ oder „Kick“ (z.B. dem „Runner’s High“ bei Läufern) forciert. Die Experten sind sich zumindest in einem Punkt einig: dass die Biodroge Endorphin für sich alleine weder psychisch abhängig macht noch den Körper schädigt.
- Die Ebene gesellschaftlicher Ideale spielt ebenfalls eine bedeutende Rolle; auch sie kann als Ursache zur Entwicklung einer Sportsucht führen. Wir leben in einer Leistungsgesellschaft. Leistung hat einen hohen gesellschaftlichen Stellenwert und ist positiv konnotiert. Wer Leistung in sportlichen Bereichen bringt, der verhält sich sicher auch im Berufsleben engagierter, ausdauernder, willensstärker und erscheint für den wirtschaftlichen Erfolg des Unternehmens wertvoller.
- Vorherrschende Schönheitsideale, die sich längst nicht mehr nur auf das weib - liche Geschlecht beschränken, sondern sich zunehmend auch auf Männer beziehen, sind mitunter eine der häufigsten Ursachengruppen für die Entstehung einer Sportsucht. Fit, schlank und durchtrainiert ist gleich sexy, erfolgreich und glücklich. So suggeriert es uns unser gesellschaftliches Leben. Folglich hängt bei immer mehr Frauen das Selbstwertgefühl vom möglichst geringen Körpergewicht und beim Mann vom möglichst durchtrainierten Oberkörper ab.
Außer Kontrolle
Dass der ständige Kampf um den idealen Körper außer Kontrolle geraten kann, wird in Fällen deutlich, in denen sich das eigentlich Freude bringende Training verselbstständigt. Die permanente und häufig über Jahre hinweg andauernde Überlastung des Körpers durch das ausbeuterische Training hinterlässt Spuren.
Umgang im Sportstudio
Da sich Sportsüchtige bekanntlich in Fitnessstudios tummeln, gilt es gerade für Studioleiter, Trainer und auch Servicemitarbeiter, aufmerksam und sensibel für dieses Thema und die ersten Anzeichen einer Sportsucht zu sein. Wenn bereits die ersten Merkmale (siehe Kasten) sichtbar werden, ist der Zeitpunkt überschritten, an dem der Betroffene sein Sportvolumen noch aus eigener Kraft reduzieren kann. Außenstehende haben die Chance, den betroffenen Menschen zu helfen, jedoch nicht, sie zu therapieren. Zu komplex sind die Formen der Sportsucht. Sportstudiomitarbeitern fehlt oftmals auch die fachliche Kompetenz, um adäquat und behutsam mit der Ansprache des oder der Sportsüchtigen umzugehen, ohne ihn/sie an den Pranger zu stellen. Neben der generellen Empfehlung, einen Therapeuten zu konsultieren, bieten sich im Sport- und Fitnessbereich noch weitere Möglichkeiten, die Betroffenen auf ihre bereits mehr oder minder wirkende Beeinträchtigung aufmerksam zu machen. Bereits Servicemitarbeiter können das täglich eincheckende und sich über mehrere Stunden im Studio aufhaltende Mitglied in einem unverbindlichen Smalltalk auf sein ungewöhnliches Verhalten aufmerksam machen. Eventuell findet dieses Gespräch sogar bei einem Kaffee oder Milchshake „aufs Haus“ in privater Atmosphäre statt. Auch Trainer auf der Fläche haben hierzu gute Möglichkeiten. Ihre Bandbreite an Interventionsmöglichkeiten gestaltet sich etwas vielfältiger. Sie können z.B. im Rahmen regelmäßiger Trainingschecks auf einen zu geringen Körperfettanteil oder andere erhobene anormale Werte aufmerksam machen. Natürlich bietet auch das Angebot der Trainingsplanüberarbeitung eine Möglichkeit. Dabei können zu hohe Intensitäten oder zu häufige Trainingsintervalle konstruktiv besprochen und die Bedeutung dieser dem Sportsüchtigen erklärt werden. Nicht selten sehen die Betroffenen gerade durch solche Situationen etwas klarer, wenn „ihr“ Trainer – und dies bezieht auch Kurstrainer mit ein – sie auf ihr nicht mehr ganz normales Verhalten anspricht. Denn sehr oft sind es gerade Trainer, die einst bei Ausbruch der Verhaltensänderung unbeabsichtigt als Vorbild dienten. SUCHT MEDICAL FITNESS Sportsucht ist, und das muss endlich international erkannt werden, eine schwere psychophysische Erkrankung. Heilungschancen bestehen aber durchaus. Der Weg dorthin bedarf jedoch psychologischer Hilfe – im schlimmsten Fall sogar mit stationärem Aufenthalt in einer psychosomatischen Klinik. Damit es so weit aber erst gar nicht kommt, muss den ersten Anzeichen mit mutiger Ernsthaftigkeit, Einsicht und professioneller Hilfe entgegengegangen werden.
Bianca Jordan




