Training für die Psyche

26.02.2010

Bewegungstherapie bei Depression

Bewegungstherapie gewinnt als begleitende Maßnahme zur Depressionstherapie zunehmend an Bedeutung. Sportund Gesundheitszentren wie die Kölner „Sportsconnection“ bieten in ihrer an den Club integrierten Arztpraxis diese Therapieform an. Weshalb Bewegung unerlässlich für die psychische Gesundheit ist, erklären Dr. Gregory Janshoff – Arzt der „Sportsconnection“ – und Petra Boer-Janshoff – Inhaberin.

Wer sich „hängen lässt“ oder sich durch die Gegend „schleppt“, dessen Stimmung sinkt allein schon durch das beschriebene Bewegungsverhalten. Umgekehrt sind Traben, Hüpfen und andere locker(nd)e Bewegungen kaum mit Schwermut vereinbar. Solche für jeden zugängliche Alltagserfahrungen verdeutlichen, wie sehr Stimmung und Bewegung wechselseitig miteinander verwoben sind. Ähnliches gilt für unsere Sprache, die von entsprechenden Bildern fast überquillt (Rückgrat stärken, Haltung bewahren, Standfestigkeit gewinnen). Auch Ausdauersportler berichten seit langem immer wieder darüber, dass sie in ein Stimmungshoch geraten. Wissenschaftlich führt man dieses Phänomen auf eine vermehrte Freisetzung von Endorphinen zurück. So verwundert es nicht, dass die Bewegungstherapie immer mehr als „Begleitmaßnahme“ in die Depressionsbehandlung Eingang findet (bislang leider weitgehend nur stationär).

Bewegung als Therapiebegleitung
Depressiven Menschen eröffnen Bewegungsangebote Möglichkeiten, Gefühle von Schwere, innerer Leere, abgestorben sein, Isolation und Hilflosigkeit auf nicht verbalem Weg und damit oft verhältnismäßig leichter zu überwinden. So verringert Bewegung das Erleben von Schwere und verhilft bei ausreichend langem Training unweigerlich zu Erfolgserlebnissen. Denn die spür- und messbare Leistungsverbesserung lässt den Depressiven erleben, dass er etwas an seinem Körper und damit in seinem Dasein bewirken kann. Dies fördert das (meist schwache) Selbst(wert)gefühl und verringert Gefühle von Hilflosigkeit und Ohnmacht. Die in ihrem Vertrauen auf die Verlässlichkeit anderer oft erschütterten Patienten können zumindest zum eigenen Körper Vertrauen aufbauen und erleben, dass sie sich auf diesen verlassen können. Das Bewegen in der Gemeinschaft wirkt der (oft auch faktisch vorhandenen) Isolation entgegen und erhöht die Wahrscheinlichkeit, dass positive Affekte anderer „anstecken“ (z.B. bei Ballspielen). Zugleich wird die Sozialkompetenz geschult. Indem sich der Patient bewegt, verlässt er die bei Depressiven häufig zu beobachtende „Opferrolle“.

Hürde: Motivation
Ähnlich wie bei der medikamentösen (also klassischen) Depressionsbehandlung stellt sich bei der Bewegungstherapie die Schwierigkeit, den Patienten überhaupt zur Mitarbeit zu gewinnen und seine Compliance ausreichend lang zu gewährleisten. Hier muss der Therapeut den Patienten gleichsam „energetisieren“ bzw. ihm stellvertretend motivierende (= bewegende) Ich- Funktionen zur Verfügung stellen. Diese „Katalysatorfunktion“ ist solange erforderlich, bis günstigere Funktions- und Erlebensweisen des Patienten „in Gang kommen“. Eine solche Aufgabe ist oft sehr anstrengend und ruft im Therapeuten mitunter vergleichbare Gefühle wie im Patienten hervor (projektive Identifikation). Die Einladung des Patienten, sich zu bewegen, knüpft an basalere Fähigkeiten an als beispielsweise verbale Therapien. Daher ist die vom Patienten zu nehmende Hürde im Falle der Bewegungstherapie möglicherweise niedriger. Sobald der Patient erste angenehme Veränderungen spürt, steigt die Wahrscheinlichkeit, dass er die Therapie zunehmend aus eigener Motivation fortführt.

Kein Allheilmittel
Ähnlich wie bei den klassischen Formen der Depressionstherapie gilt auch für die Bewegungstherapie, dass sie keineswegs für alle Patienten ein Universalheilmittel ist. Auch hier müssen Kontraindikationen sorgfältig ausgeschlossen werden (z.B. durch eine Sporttauglichkeitsuntersuchung). Ansonsten sind Bewegungstherapeuten gefordert, ihre Angebote den Möglichkeiten des Patienten anzupassen. „Kleine Formen“ der Bewegungstherapie stehen jedem Depressionstherapeuten zur Verfügung: Warum sollte man beispielsweise nicht therapeutische Gespräche mit einem „aktivierenden“ Spaziergang in der Natur verbinden?

Psychotherapeutisches Training im Sportsconnection
Niemand zweifelt heute mehr daran, dass es Zusammenhänge zwischen Bewegung und psychischer Gesundheit gibt. Ausdauertraining verringert nachweislich Angst und Depressionen im gleichen Umfang wie klinisch erprobte Medikamente. Zahlreiche Untersuchungen haben bewiesen, dass Bewegung die Blutversorgung des Gehirns deutlich steigert und neue Nervenzellen in wichtigen Gehirnarealen wachsen lässt. Das Kölner Institut für Sport und Gesundheit „Sportsconnection“ kooperiert seit Jahren mit Dr. Dr. Mück – einer Praxis für Psychotherapeutische Medizin. Anhand eines Modellprojektes (in den Jahren 1994 bis 1996) konnte die Kombination von Sport und Psychotherapie bei verschiedenen psychischen Störungen bewiesen und konventionellen Gesprächs- bzw. medikamentenbasierten Therapien entgegengestellt werden. Der zugrunde liegende Gedanke einer „Ambulanten psychosomatischen Rehabilitation“ erwies sich als erfolgreich. So wurde für dieses Projekt Herrn Dr. Dr. Mück, Herrn Dr. med. Gregory Janshoff und der Dipl. Sportwiss. Petra Boer-Janshoff der damalige Förderpreis des Sportärztebundes Nordrhein verliehen. Leider haben die ständigen „Gesundheitsreformen“ bzw. die mit ihnen verbundenen Streichungen und Sparmaßnahmen dieses Modell gestoppt, so dass die entsprechenden Maßnahmen heute privat finanziert werden müssen.

Kategorie: Trainingsmethoden

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