Bedarfsorientierte Versorgung im Gesundheitsclub

Biopsychosoziale Bewegungsprogramme

Der demografische Wandel wird zukünftig einen rasanten Anstieg chronisch Erkrankter innerhalb der Mitgliederstruktur mit sich bringen. Leistungserbringer, die die Betroffenen bedarfsorientiert versorgen möchten, müssen biopsychosoziale Parameter (Definition des Gesundheitszustandes eines Menschen) bei der Betreuung berücksichtigen.

Die Bevölkerung wird in den kommenden Jahren von 82 auf 69 Millionen sinken. Diese Entwicklung geht einher mit einer gleichzeitigen Steigerung der Lebenserwartung (siehe Kasten) und einer Verschiebung der Altersstruktur (mehr über 65-Jährige als unter 30-Jährige bereits in den kommenden Jahren). Die Anzahl der über 65-Jährigen wird im Vergleich zu den unter 30-Jährigen deutlich zunehmen. Für den Altersquotienten bedeutete das, dass 2010 auf 100 Personen im erwerbsfähigen Alter 34 Personen im nicht erwerbsfähigen Alter entfielen; 2050 werden es 100:64 Personen sein. Die Folge: Derzeit arbeiten drei erwerbstätige Menschen für einen erwerbsunfähigen. Laut Expertenprognosen wird im Jahr 2050 das Verhältnis von erwerbsfähigen und erwerbsunfähigen Menschen 1:1 betragen (Beske 2009).

Dieser beschriebene Wandel führt zu hohen gesundheitsökonomischen Problemen, da mit zunehmendem Alter die Inanspruchnahme von Leistungen des Gesundheits- und Sozialwesens nahezu exponential ansteigt. Die bisher genannten Aspekte skizzieren den von Ökonomen vorhergesagten „Megatrend Gesundheit“. Diese demografischen Rahmenbedingungen führen zu einem beschleunigten Panoramawandel bei der Morbidität (Krankheitshäufigkeit).

Die Entwicklung von 2007 bis 2050 wird nach Beske (2009) folgendermaßen aussehen: Diabetes mellitus: Zunahme um 44–46% Herzinfarkt: Zunahme um 109% Schlaganfall: Zunahme um 94% Krebs: Zunahme um 52% Demenz: Zunahme um 104%

Degenerative, chronische und psychische Erkrankungen stehen somit bei Gesundheitsdienstleistern im Fokus – häufig auch mit einer Co- und Multimorbidität.

Bedarfsorientierte Versorgung
Eine bedarfsorientierte Versorgung in Einrichtungen des Gesundheitswesens muss ausgehen von einer umfassenden Erhebung der Defizite wie auch vorhandenen Ressourcen, die der Teilnehmer mitbringt. Gerade bei chronisch erkrankten Menschen ist dies von Bedeutung, da Chronifizierungen häufig auch mit Co- und Multimorbiditäten (Mehrfacherkrankungen) einhergehen. Es ist daher unerlässlich, biofunktionale und biopsychosoziale Parameter (Analyse des Gesundheitszustandes eines Menschen) in die Versorgung chronisch Erkrankter aufzunehmen. Notwendig sind Angebote, die sich nicht nur an den Schädigungen und Krankheitsbildern (ICD), sondern an den personenbezogenen Kontextfaktoren, den Körperstrukturen, den Körperfunktionen, den ADLs (Aktivitäten des täglichen Lebens) sowie den Umweltbeziehungen der Erkrankten orientieren.

Die zur Erfassung der genannten Parameter notwendigen Instrumente bietet die ICF (International Classification of Functioning, Disability and Health der WHO 2001).

Indikationsbezogenen Bewegungsprogramme für Studios
Im Auftrag der Deutschen Angestelltenkrankenkasse (DAK) erstellte der Deutsche Verband für Gesundheitssport und Sporttherapie e.V. (DVGS) mit Sport- und Bewegungswissenschaftlern der Sporthochschule Köln und der Universität Kristiansand (Norwegen) indikationsspezifische Bewegungsprogramme (siehe Kasten). desweit flächendeckend im Sinne einer Nachhaltigkeit implementiert sowie von dem Institut für Sport und Sportwissenschaft der Universität Heidelberg sowie der Universität Leipzig evaluiert. Die Evaluationsergebnisse belegen eine hohe Wirksamkeit der Programme in Kriterien. (Tracern), die bisher nicht belegt werden können: insbesondere Rollenkonzept und Selbstwirksamkeit sowie Lebensqualität (Huber DAK-Studie 2009). Diese Effekte werden von keinem Medikament erreicht. Gruppenverfahren integrieren hier zudem wertvolle Aspekte zur Erlangung einer Handlungs- und Sozialkompetenz der Versicherten (Selbstmanagement und Employability). Durch die biopsychosoziale Konzeption der Programme wurden Bausteine (Module) für eine Vernetzung mit dem Rehabilitationssport und das eigenständige Durchführen von Programmen entwickelt. Es wird so eine Vernetzung zur Nachhaltigkeit und flächendeckenden Versorgung beabsichtigt. Für die Flächendeckung und Nachhaltigkeit am Wohnort werden gesundheitsorientierte Fitnesseinrichtungen wichtiger. Auf Grund der guten Evaluationsergebnisse wurde das Programm flächendeckend für alle Gesetzlichen Krankenkassen bundesweit geöffnet.

Keine Verordnungen
Innerhalb der vom Bundesversicherungsamt (BVA) akkreditierten Patientenschulungsprogramme gem. SGB V §137 f werden Bewegungsprogramme derzeit nicht und bei keiner Krankenkasse obligat verabreicht. Dies ist umso schwerer verständlich, als es sich bei den derzeit vom Gemeinsamen Bundesausschuss (G-BA) akkreditierten Indikationen (COPD, KHK, Diabetes mellitus Typ II, MammaCa) vorwiegend um Bewegungsmangelkrankheiten handelt. Weitere Programme und deren Evaluationsergebnisse liegen vor für die Indikationen MammaCa und KHK. Zudem werden Comorbiditätsschleifen (Adipositas) berücksichtigt. Durch den hohen Implementierungsgrad könnte das Programm betriebswirtschaftliche Auslastungen für beteiligte Einrichtungen im Gesundheitswesen begründen und neue Arbeitsplätze innerhalb der Gesundheitswirtschaft schaffen.